Badische Zeitung vom Donnerstag, 16. August 2007

Hier muss eine Art "Kommandoaktion" stattgefunden haben




In der Nacht vom 11. auf den 12. August 2007 wurden auf dem jüdischen Friedhof in Ihringen von bislang unbekannten Grabschändern mehr als 70 der 200 Grabmale aus ihren Verankerungen gerissen und umgestürzt. Nach Bekanntwerden dieser bestürzenden Nachricht trafen sich spontan einige Bürger aus der Region Südbaden, die sich einer demokratischen Erinnerungskultur verpflichtet wissen, am Rande des Friedhofs, um über die Folgerungen zu beraten, die aus diesem planvoll durchgeführten Gewaltakt nach ihrer Meinung gezogen werden müssen. Die Besichtigung des Zerstörungswerks machte deutlich, dass hier eine Art "Kommandoaktion" stattgefunden haben muss, die ganz offenkundig einen Bezug zu den rechtsradikalen Anschlägen von 1990 und 1991 aufweist. Gründliche und rasche Aufklärung ist jetzt das oberste Gebot. Die engagierten Mitbürger rufen den Regierungspräsidenten von Südbaden, Dr. Sven von Ungern-Sternberg, dazu auf, sich hierfür einzusetzen und gegebenenfalls die für die Innere Sicherheit zuständigen Ministerien in Land und Bund einzuschalten, um die Staatsanwaltschaft und die jetzt gebildete Sonderkommission der Freiburger Kriminalpolizei zu unterstützen. Die Unterzeichner stellen mit Erstaunen und Befremden fest, dass die damit befassten Behörden keinerlei Aufklärung über die Täter von 1990/91, ihre Motive und ihr möglicherweise vorhandenes Umfeld zustande gebracht haben. Sie fragen sich, ob damals wirklich allen Spuren mit der gebotenen Gründlichkeit nachgegangen wurde. Jedenfalls zeigt die neuerliche Grabschändung, wie notwendig es gerade auch im Hinblick auf eine künftige Prophylaxe ist, derartige Fälle nach bestem Wissen und Gewissen zu untersuchen. Die Unterzeichner fordern daher zugleich die Wiederaufnahme der Ermittlungen über die früheren Gewaltakte. Wir fragen, ob mit der Verwüstung des Friedhofs die Arbeit der vergangenen Jahre, ein Netzwerk zu den Überlebenden der jüdischen Gemeinde aufzubauen, um sie mit ihren Familien in ihrer früheren Heimat Ihringen begrüßen zu können, zerstört werden soll. Die gelegentlich zu hörende Ansicht, es seien "doch nur ein paar Grabsteine umgeworfen worden" , Menschen seien nicht zu Schaden gekommen, weisen die Anwesenden als unzulässige Abwiegelung und Verharmlosung zurück. Die Tatsache, dass die — wahrscheinlich aus einem hasserfüllten Antisemitismus heraus handelnden — Täter nicht einmal die in Ihringen begrabenen jüdischen Bürger und Bürgerinnen ruhen lassen, ist ein moralischer, kultureller und politischer Skandal.

Prof. Dr. Wolfram Wette, Historiker, Waldkirch; Reiner Zimmermann, SPD-Gemeinderat Breisach und Kreisrat; Dr. Christiane Walesch-Schneller, Vorsitzende "Blaues Haus" Breisach; Rosita Dienst-Demuth, Geschichtswerkstatt Lessing-Realschule Freiburg; Walter Mossmann, Autor, Freiburg