Badische Zeitung vom Donnerstag, 16. August 2007

Keine Wiederholung der Geschichte
Bürger aus Ihringen und der Region fordern die rasche Aufklärung der Friedhofsschändung / Schock der 90er-Jahre wirkt nach

Von unserer Redakteurin Maikka Kost

FREIBURG/IHRINGEN. Nach der Verwüstung des jüdischen Friedhofs in Ihringen wächst in der Region die Empörung über die Tat von Unbekannten. Auf dem Gräberfeld bekundeten gestern Abend 70 Bürger Solidarität mit den betroffenen jüdischen Familien. Eine Gruppe um den Waldkircher Historiker Wolfram Wette und den Freiburger Liedermacher Walter Mossmann spricht in einem Brief an die BZ von einem "moralischen, kulturellen und politischen Skandal" . Wie sie fordert auch die SPD eine rasche Aufklärung. Gedrückte Stimmung, beredtes Schweigen: Als sich die Teilnehmer der spontanen Mahnveranstaltung über den Friedhof bewegen, ist ihnen die Empörung ins Gesicht geschrieben. Es geht vorbei an vielen umgestürzten Grabsteinen. "Ich verstehe nicht, warum, und bin sehr wütend" , sagt eine Ihringerin und erzählt, dass sie schon gestern zum Friedhof gekommen ist. Sie wollte selber sehen, was passiert ist. Damit sie es glauben kann. Die Schändung des jüdischen Friedhofs war am Sonntagmorgen entdeckt worden. 79 Grabsteine lagen am Boden, viele beschädigt. Für die von der Freiburger Kripo eingesetzte Soko steht inzwischen fest, dass der Kraftakt nur von mehreren Tätern vollbracht werden konnte. "Viele Steine sind zu schwer, als dass einer allein sie umwerfen könnte," sagte gestern Polizeisprecher Ulrich Brecht. Werkzeuge sind offenkundig nicht benutzt worden. Und Brecht ließ keinen Zweifel an der möglichen Motivation: "Wir werten die Tat als politische Tat." Dabei spielt für die Ermittler keine Rolle, dass die Täter auf Schmierereien verzichteten: "Manchmal lässt sich auch ohne Hakenkreuze sagen, ob eine Tat rechtsradikal motiviert ist." Die Unterzeichner des offenen Briefes (siehe Forum) sind sich ebenfalls sicher: "Das war eine Kommandoaktion aus rechten Kreisen." Sie sehen zudem einen klaren Bezug zu den zu 1990 und 1991. Damals war der Ihringer Friedhof in einem für den Südwesten bis dato ungekannten Ausmaß verwüstet worden. Im August 1990 waren 177 der 200 Grabsteine umgeworfen und mit Nazi-Parolen beschmiert worden. Wenig später die zweite Attacke: Sie galt vor allem dem Grab des früheren Vorstehers der jüdischen Gemeinde. Aus dem Beet ragte ein Pfahl heraus, der zwei Meter tief im Boden steckte. Wette, Mossmann und Co. haben jetzt — wie auch die SPD Freiburg und Breisgau-Hochschwarzwald — Regierungspräsident Sven von Ungern-Sternberg aufgefordert, sich für eine schnelle Aufarbeitung des neuen Vorfalls einzusetzen. Denn mit Befremden hätten sie festgestellt, dass die Behörden bis heute keine Aufklärung über die Täter von damals erreicht haben. Zwar war man zunächst von Jugendlichen, dann von Skinheads aus dem Bodenseeraum, schließlich von rechtsesoterischen Gruppierungen ausgegangen. Sicher schien außerdem, das es sich um Ortskundige handeln musste. Doch kein einziger Verdacht hat sich je erhärtet. "Wie kann das sein, in Zeiten moderner kriminologischer Methoden?" fragt sich Wette. Und: "Wer deckt hier wen?" "Unbegreiflich, dass die Polizei heute jeden Sprayer findet, aber nicht die Verursacher einer solchen Friedhofschändung" , findet auch Christiane Walesch-Schneller, Vorsitzende des Blauen Hauses in Breisach. Wie Wette ist auch sie überzeugt, dass die Aufklärung solcher Fälle nur klappen kann, wenn die Menschen am Ort das wollen. Aber wollen sie das in Ihringen? In der Kaiserstuhlgemeinde kennt man solche Argumente nur zu gut. Denn dass man sie in einen Topf wirft mit den möglichen Tätern — das haben die Ihringer auch 1990 und 1991 erlebt. Je länger die Ermittlungen ergebnislos blieben, desto stärker sahen sie sich dem Verdacht ausgesetzt, an dem Frevel beteiligt gewesen sein. Dass Ihringen in der Hitlerzeit als Nazi-Hochburg galt, gab den Skeptikern zusätzlich Futter. Ein Schweigemarsch, zu dem sich 1990 mehr als 6000 Menschen in Ihringen trafen, wurde von vielen als offener Vorwurf empfunden. "Die Angst vor so etwas, ist natürlich wieder da," gibt Bürgermeister Martin Obert zu. Doch er ist zugleich überzeugt, dass "Ihringen viel dazu gelernt hat" . Das hätten sogar die ehemaligen jüdischen Einwohner, die vor zwei Jahren zu Besuch waren und mit denen man freundschaftliche Kontakte pflegt, anerkannt. Nun könne es sein, dass durch die unsinnige neue Tat viel von der Arbeit gegen das Vergessen zerstört worden ist. Das wollte er eigentlich nicht miterleben. "Umso mehr müssen wir nun dafür sorgen, dass unser Kontakte nicht abreißen" , sagt Obert, der seine Einwohnern in den vergangenen Tagen immer wieder aufgefordert hat: "Geht offensiv mit der Sache um. Sagt laut, dass ihr diese Tat verurteilt. Zeigt Solidarität." 70 Menschen, die gestern auf den Friedhof kamen, sind für den Bürgermeister auch ein Beweis, dass die Zeiten sich geändert haben. Dass Ihringen heute bereit ist, sich seiner Geschichte zu stellen. Ein anderer sind die Briefe, die jetzt an die überlebenden Juden aus Ihringen gehen werden. Darin die tiefe Empörung über das Geschehene und die Hoffnung, dass die neue Freundschaft darüber nicht wieder vergehen möge.