Badische Zeitung vom Samstag, 14. Mai 2005

„Das Kriegsgeschehen verinnerlichen, um es nicht zu vergessen“
Podiumsdiskussion im Martin-Schongauer-Gymnasium: Schüler und Zeitzeugen diskutierten über die Bedeutung des Kriegsendes vor 60 Jahren



BREISACH. „60 Jahre Kriegsende“ – welche Bedeutung hat dieses Ereignis für die junge Generation? Besteht überhaupt Interesse an den Geschehnissen am Ende des Zweiten Weltkriegs?

Ja, davon konnte man sich jüngst bei einer Podiumsdiskussion am Martin-Schongauer-Gymnasium überzeugen, die von Matthias Mutke und Christian Brauns, beide Schüler der 12. Klasse, geleitet wurde und auf großes Interesse stieß.

Die Veranstaltung, die von Dagmar Casetou, Geschichtslehrerin am Gymnasium, organisiert wurde, eröffnete Schulleiter Winfried Wagner mit einem Auszug aus Hannah Arendts „Besuch in Deutschland“, in dem sie ihre Erinnerungen im Nachkriegsdeutschland schildert.

Auch Professor Wolfgang Hug von der Universität Freiburg begann seinen Vortrag mit einem Zitat: Er las einen Auszug aus Tagebucheinträgen des damaligen Stadtpfarrers Hugo Höfler, der eindrucksvoll die letzten Kriegstage in Breisach beschreibt. Im Folgenden berichtete Hug von den Angriffen auf Südbaden und stellte vor allem das Engagement der Frauen in Freiburg heraus, die durch ihren Einsatz versuchten, die Kriegsfolgen für Freiburg so gering wie möglich zu halten.

Außerdem ging er der Frage nach der Bedeutung des Kriegsendes nach. „Nie wieder Krieg“, dieser Satz kommt seiner Meinung nach dem Empfinden der Bevölkerung am nächsten. Hug sprach in diesem Zusammenhang der Besatzungsmacht seinen Dank für das „breite Programm der kulturellen Erneuerung“ aus.

Im Anschluss übernahm Stadtarchivar Uwe Fahrer das Wort und fasste die wichtigsten Kriegsereignisse in Breisach zusammen. Auch sprach er den 4. Februar 1945 an, den, laut Hugo Höfler, „Todestag von Breisach“, und ging auf die Bedeutung des 8. Mai 1945 als eigentlichem Datum des Kriegsendes für Mitteleuropa ein.

Der dritte Gastredner war der 1925 in Freiburg geborene und seit 1940 in Amerika lebende jüdische Emigrant Gerald Schwab. Als Soldat der amerikanischen Armee besuchte er zweimal Breisach, die Heimatstadt seiner Eltern, die er noch aus der Kindheit in Erinnerung hatte. Gemeinsam mit Uwe Fahrer präsentierte er dem Publikum Bilder von seinem zweiten Aufenthalt in Breisach im Jahr 1946.

Auf die Frage hin, welche Erinnerungen er mit dem 8. Mai 1945 verbinde, erzählte er, dass er bei Kriegsende in Norditalien an der Front war. Das Kriegsende mit der Niederlage Deutschlands habe er als Befreiung erlebt.

In der anschließenden Diskussion schilderte Professor Hug, wie die Deutschen und er selbst die Besatzungsmacht erlebt haben. Deren Maßnahmen empfand er nur teilweise als Zwang, zum Beispiel die ständigen Straßenkontrollen oder Ausgangssperren. Es wurde auch das Thema Demütigung durch Franzosen angesprochen.

Auch Gerald Schwab erzählte auf Nachfragen der Zuhörer von seinem Eindruck bei seiner Rückkehr nach Breisach.

Überhaupt herrschte rege Beteiligung der Zuhörer, da auch im Publikum Zeitzeugen anwesend waren, die mit ihren persönlichen Erfahrungen die Schilderungen ergänzten. Des Weiteren kam zur Sprache, welche Wirkung das Handeln von Albert Ziehler hatte, welcher mit einer weißen Fahne den französischen Panzern entgegenging. „Dies war“, so Fahrer, „ein symbolischer Akt, dessen Bedeutung erst in den letzten Jahren in den Vordergrund gerückt ist.“ Zum Abschluss des Abends zog Fahrer das Fazit, dass die Worte „besiegt, befreit, versöhnt“ im Bezug auf das Kriegsende wohl am treffendsten seien. Dabei handele es sich nicht nur um eine körperliche, sondern auch um eine geistige Befreiung, die damals allerdings erst nach und nach als solche empfunden wurde. Er hoffe, dass die nachfolgende Generation jetzt vielleicht die Geschehnisse um das Kriegsende begreife. In diesem Zusammenhang ergänzte Professor Hug, dass man auch von eben dieser Generation lernen könne, da sie mit großem Engagement an dieses Thema herangehe.

Das zeigte sich auch in der großen Zahl von Schülern unter den etwa 80 Zuhörerinnen und Zuhörern sowie an den Moderatoren. Für Matthias Mutke stand im Vordergrund, dass wir „das Geschehen verinnerlichen, damit wir es nicht vergessen“. Wenn man die Folgen bedenke, die ein Sieg der Nationalsozialisten nach sich gezogen hätte, so fügte Christian Brauns hinzu, werde deutlich, dass das Kriegsende nicht nur Bedeutung für die ältere, sondern auch für die nachfolgenden Generationen habe. Julia Liebermann und Ines Süßle

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