Badische Zeitung vom Mittwoch, 14. Januar 2004

"Ein Sieg der Gerechtigkeit"
Im "Blauen Haus" werden jüdische Gottesdienste gefeiert

Von unserer Mitarbeiterin Sylvia Pabst

BREISACH. Als "Sieg der Gerechtigkeit" bezeichnet Abraham Rajber die Tatsache, dass im "Blauen Haus" in Breisach wieder jüdische Gottesdienste abgehalten werden. "Zuletzt wurden hier vermutlich 1938 oder 1939 regelmäßig jüdische Gottesdienste gefeiert", sagt Rajber, der selbst jüdischen Glaubens und Mitglied im Förderverein ehemaliges jüdisches Gemeindehaus Breisach ist. "Wir wollen das ,Blaue Haus' wieder mit jüdischem Leben erfüllen", sagt Rivka Hollaender, stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Freiburg.

Anstoß dafür, in Breisach wieder regelmäßig Gottesdienste zu feiern, gab eine jüdische Familie aus der Ukraine anlässlich der Woche der Begegnung im Oktober 2000. Damals waren ehemalige Breisacher Jüdinnen und Juden beziehungsweise deren Nachkommen in die Münsterstadt eingeladen worden. Hollaender und Rajber nahmen diesen Vorschlag auf und haben ihn mittlerweile umgesetzt. Seit September 2003 wird einmal im Monat im bislang eher kleinen Kreis Gottesdienst gefeiert.

"Wir feiern nach orthodoxem Ritus", berichtet Rajber. So seien es die teilnehmenden jüdischen Familien aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gewohnt. Das bedeute unter anderem, dass Frauen und Männer im Gottesdienst getrennt säßen. "Insgesamt sind wir meist zwischen 15 und 18 Personen", berichtet Hollaender. Allerdings fehle es an Männern. Für die Verrichtung bestimmter Gebete sei der so genannte Minjan nötig, der sich aus zehn Männern jüdischen Glaubens zusammensetze. Doch diese Anzahl fand sich bislang nicht zusammen. Daher werden manche Gebete ausgelassen, wie Hollaender berichtet.

Der Gottesdienst werde in hebräischer Sprache gehalten, wobei die Schriftzeichen auch in Lautschrift vorlägen. Außerdem gebe es Übersetzungen. "Wir verfolgen keinen politischen Hintergrund, wir möchten hier keine jüdische Gemeinde gründen, sondern gehören auch weiterhin zu Freiburg hinzu", sagt Rajber. Dennoch hofft er, dass noch ein paar jüdische Familien mehr, etwa so genannte Kontingentflüchtlinge aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, nach Breisach kommen. Voraussetzung dafür sei aber, ausreichend Wohnungen für sie zu finden. "Hier sind wir auf die Unterstützung der Breisacher Bevölkerung angewiesen", sind sich Rajber und Hollaender einig.

Hält Hollaender, wie sie selbst sagt, während der Gottesdienste im Hintergrund die Zügel in der Hand, ist Rajber vor allem für das Organisatorische zuständig. Er besorgt beispielsweise koscheres Brot und koscheren Wein. "Wir finanzieren alles selber", sagt er. Nach den Gottesdiensten säßen alle immer noch gemütlich zusammen, um etwas zu essen und sich zu unterhalten, berichtet er. Zu diesem Anlass würden die jüdischen Familien leckere, selbst gekochte Kleinigkeiten mitbringen.

Was die Zukunft angeht, hofft Rajber, möglichst bald zehn Männer zusammenzufinden. "Aber daran soll es nicht scheitern, wir machen auf jeden Fall weiter", sagt er. Ob die Gottesdienste irgendwann einmal mehrmals im Monat angeboten werden, sei noch unklar.

Weitere Informationen gibt es bei Rivka Hollaender unter Telefon 07641/43828.

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