Badische Zeitung vom Mittwoch, 13. August 2003
"Haupttriebfeder ist einfach Neugier" BZ-INTERVIEW mit Yitzhak Cohen, Bezirksrichter aus Haifa, über seine jüdischen Vorfahren
| BREISACH
(fsn). Im Rahmen der Werkstattgespräche des Fördervereins ehemaliges jüdisches
Gemeindehaus Breisach sprach Yitzhak Cohen, Bezirksrichter aus Haifa (Israel),
im "Blauen Haus". Er zeigte dort dem zahlreich erschienenen Publikum Fotos
seiner in Deutschland lebenden Vorfahren und erläuterte dabei die vier Verbindungen
seiner Familie mit Breisach. Im Anschluss sprach BZ-Mitarbeiterin Friedel
Scheer mit ihm.
BZ: Herr Cohen, wie hängt Ihre Familiengeschichte mit Breisach zusammen?
Cohen: Bis jetzt habe ich vier Verbindungen entdeckt, die nach
Breisach führen. Am wichtigsten und direktesten ist die Verbindung über meine
Urgroßmutter Berta Geismar, die aus Breisach stammt. Sie heiratete 1886 einen
gewissen Hermann Kahn aus Köln-Kalk und wohnte dann auch da. Aber darüber
hinaus gibt es noch weitere Verbindungen. Hermann Kahn war mit Berta Geismar
in zweiter Ehe verheiratet. Aus der ersten Ehe stammten zwei Töchter, die
zu dem Zeitpunkt schon erwachsen waren. Eine von ihnen, Lina Kahn, heiratete
Berta Geismars Bruder, Salomon, sodass Lina gleichzeitig Bertas Stieftochter
und Schwägerin war. Diese Lina war unter den Breisacher Juden als "Kölner
Lina" bekannt. BZ: Seit wann beschäftigen Sie sich mit genealogischen Forschungen und gibt es dafür einen bestimmten Grund?
Cohen: Seit etwa drei Jahren beschäftige ich mich damit. Einen
bestimmten Anlass gab es dafür nicht. Ich versuche lediglich zu forschen
und über meine Familie zu lernen. Die Haupttriebfeder ist einfach Neugier.
Leider habe ich dafür aber viel zu wenig Zeit. BZ: Haben Sie mit Ihrem Großvater, Arthur Kahn, zu seinen Lebzeiten über sein Leben in Deutschland gesprochen?
Cohen: Leider nein, überhaupt nicht. Er ist 1976 gestorben und
hat nie über Deutschland gesprochen, auch mit meinem Vater nicht. Das ist
aus heutiger Sicht natürlich sehr schade. Ich würde ihn gerne so viel fragen.
BZ: Er hat Deutschland ja ziemlich früh verlassen, nämlich 1933. Wissen Sie warum?
Cohen: Von ihm persönlich weiß ich es, wie gesagt, nicht. Aber
in unserer Familie gibt es zwei Erklärungsversionen: Die erste besagt, dass
die Nazis die jüdischen Rechtsanwälte - mein Großvater war Rechtsanwalt -
auf Lastwagen geladen haben mit der Aufschrift "Hier sind die jüdischen Diebe"
und sie so gedemütigt haben. Die zweite besagt, dass es jüdischen Rechtsanwälten
gleich nach dem Machtantritt Hitlers untersagt wurde, nichtjüdische Klienten
zu haben. Davon wurden kurze Zeit später zwar diejenigen ausgenommen, die
im 1. Weltkrieg gekämpft hatten. Aber mein Großvater soll gesagt haben: "Ich
habe Jura an der Universität und nicht in der Armee studiert." Fest steht
jedenfalls, dass mein Großvater anders als seine beiden Brüder, die nach
USA ausgewandert sind, Zionist war und nach Palästina ging. BZ: Wie alt war ihr Vater zu dem Zeitpunkt?
Cohen: Mein Vater war sieben Jahre alt und hat noch Deutsch schreiben und lesen gelernt, was er bis heute kann.
BZ: Ist Ihnen Ihr Vater bei den Nachforschungen behilflich?
Cohen: Ja, mein Vater begrüßt mein Engagement und hilft mir. Allerdings sind seine Erinnerungen an Deutschland natürlich begrenzt.
BZ: Wie sind Sie auf den Breisacher Förderverein ehemaliges
jüdisches Gemeindehaus aufmerksam geworden und was halten Sie von der Initiative?
Cohen: Vor etwa anderthalb Jahren bekam ich eine E-Mail von jemandem,
der mich auf den Verein aufmerksam machte und mir die Adresse der Homepage
gab. Ich las die Seite mit großem Interesse. Die Initiative finde ich sehr
gut und richtig, immerhin waren einmal 17 Prozent der Breisacher Bevölkerung
Juden. BZ: Kennen Sie ein solches Engagement auch aus anderen Orten Deutschlands?
Cohen: Nein, das heißt aber nicht, dass es das anderswo nicht gibt.
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