Badische Zeitung vom Dienstag, 12. November 2013

Bekommt Breisach Stolpersteine?
In der Feierstunde zum Abschluss des Jahres des Erinnerns machte MSG-Schulleiter Winfried Wagner einen interessanten Vorschlag .

BREISACH. 3 Breisacher Vereine, die 2013 Jubiläen ihres Bestehens oder ihrer Einrichtungen feiern und sich thematisch auf sich ähnelnden Feldern bewegen, haben in den zurückliegenden Monaten gemeinsam das Jahr des Erinnerns, der Partnerschaft und der Zukunftsgestaltung begangen. Am Sonntag, einen Tag nach dem 75. Jahrestag der Pogromnacht von 1938, fand die Abschlussveranstaltung in der Aula des Martin-Schongauer-Gymnasiums (MSG) statt. Eingeladen hatten der Verein "Für die Zukunft lernen", der seit 20 Jahren besteht, der Förderverein Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus, "Das Blaue Haus", das vor 10 Jahren als Gedenk- und Bildungsstätte eröffnet wurde, und der vor 5 Jahren gegründete Freundeskreis Oswiecim, der sich um die Städtepartnerschaft Breisach – Oswiecim kümmert.

Schulleiter Winfried Wagner begrüßte auch den baden-württembergischen Europaminister Peter Friedrich (SPD), der in Vertretung des Schirmherrn, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, nach Breisach gekommen war. Auch Breisachs Bürgermeister Oliver Rein, den Altbürgermeister und Breisacher Ehrenbürger Alfred Vonarb, die ehemaligen Breisacher Pfarrer Peter Klug und Peter Hanselmann sowie Christiane Walesch-Schneller als Vorsitzende des Fördervereins Blaues Haus und Professor Werner Nickolai als Vorsitzenden des Vereins "Für die Zukunft lernen" und des Freundeskreises Oswiecim, hieß Wagner willkommen.

"Das Erinnern wird schwieriger", sagte der Schulleiter. Die Ära der Zeitzeugen der Nazityrannei gehe zu Ende, die 68er-Generation, die der Erinnerungskultur hohen Wert beigemessen habe, gebe die Verantwortung in jüngere Hände, die digitalisierte Medienwelt schaffe andere Formen der Geschichtsbearbeitung und -wahrnehmung. Und eine sich durch Migration und Zuwanderung wandelnde Gesellschaft entwickle ein anderes Geschichtsbild.

"Die Erinnerung an historische Ereignisse darf sich nicht in Ritualen erschöpfen", forderte Wagner und hob die Bedeutung lokaler Erinnerungsprojekte hervor. Der Schulleiter bot die Mitarbeit des Gymnasiums an, in Breisach das bundesweit verbreitete Projekt der Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig zu etablieren. Es erinnert an Menschen, die zwischen 1933 und 1945 Opfer rassistischer Gewalt und Ausgrenzung durch das nationalsozialistische Regime wurden.

Bürgermeister Oliver Rein dankte im Namen der Stadt den 3 Initiativen, die das Jahr der Erinnerung, der Partnerschaft und der Zukunftsgestaltung veranstaltet hatten. Die Partnerschaft mit Oswiecim sei ein Geschenk für Breisach, die Arbeit des Fördervereins Blaues Haus eine großartige Leistung, die weit über die Regio hinaus Anerkennung genieße, und der Verein "Für die Zukunft lernen", der sich für den Erhalt der Kinderbaracke im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz einsetzt, öffne jungen Menschen den Weg, um das schreckliche Geschehen der Vergangenheit begreifen und verstehen zu lernen, sagte Rein. Mit Blick auf die bevorstehende Aufnahme weiterer Asylbewerber in der Münsterstadt spannte der Bürgermeister den Bogen von der Erinnerungskultur zur Zukunftsgestaltung.

Europaminister Peter Friedrich erinnerte an das Datum 9. November, das auf Grund verschiedener Ereignisse, unter anderem die Proklamation der deutschen Republik durch Philipp Scheidemann im Jahr 1918, der Pogromnacht von 1938, gegen jüdische Mitbürger, ihre Synagogen und Geschäfte und den Fall der Berliner Mauer vor 24 Jahren einen besonderen Tag in der deutschen Geschichte markiere.

"In Breisach sind die Spuren dieser wechselvollen Geschichte ebenso spürbar, wie die gelebte Integration eines geeinten Europas", sagte Friedrich. Die Städtepartnerschaft mit Oswiecim bilde dazu eine wunderbare Ergänzung, so der Minister. Breisach trage zu Recht den Ehrentitel Europastadt. Den Gedanken von Schulleiter Wagner aufgreifend, sagte Minister Friedrich, dass der Vorschlag, die Erinnerungs-Initiative der Stolpersteine auch hier zu realisieren, ein Zeichen dafür wäre, wie breit jüdisches Leben einst in Breisach verwurzelt gewesen ist.

Ben Kunstleben, Student der Sozialpädagogik an der Katholischen Hochschule in Freiburg und Teilnehmer der diesjährigen Studienfahrt des Vereins "Für die Zukunft lernen" in die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz, zeigte eine vor allem sprachlich bewegende Multivisionsschau über die Eindrücke der jugendlichen Teilnehmer auf der Studienfahrt.

Gymnasiallehrer Dieter Turbon vom MSG präsentierte eine Diaschau von der Studienreise des Freundeskreises Oswiecim, die Breisacher Bürgerinnen und Bürger im Mai in die polnische Partnerschaft geführt hatte.

Die Vorsitzende des Fördervereins Blaues Haus, Christiane Walesch-Schneller blickte auf die Veranstaltungen dieser Einrichtungen in den vergangenen Monaten zurück. Sie setzte sich mit den Begriffen "Kristallnacht", "Reichspogromnacht" und "Novemberpogrom" auseinander, mit denen das schreckliche Geschehen am 9. und 10. November 1938 bezeichnet wird. Damals fand in Deutschland durch organisierte Gewaltaktionen gegen jüdische Mitbürger die systematische Zerstörung des europäischen Judentums durch die Nationalsozialisten ihren ersten verbrecherischen Höhepunkt. "Alle diese Bezeichnungen sind ungenau, einige verraten die Tätersprache", sagte Walesch-Schneller, hier liege ein sprachlicher Stolperstein.

Die Feierstunde wurde musikalisch umrahmt durch Schüler des Martin-Schongauer-Gymnasiums unter der Leitung von Gottfried Schrägle und Beiträge der Jugendmusikschule. Am Rande der Veranstaltung trug sich Europaminister Peter Friedrich in das Goldene Buch der Stadt Breisach ein. Im Anschluss fand die Gedenkfeier anlässlich des 75. Jahrestages des Novemberpogroms am Breisacher Synagogenplatz statt.

STOLPERSTEINE

Die Stolpersteine, ein Erinnerungsprojekt des Künstlers Gunter Demnig aus Köln, sind in das Straßenpflaster eingelassene Betonsteine, auf deren Oberflächen Messingplatten befestigt sind. Auf ihnen wird an das Schicksal von Menschen erinnert, die als Opfer des Naziterrors ermordet, deportiert, oder in den Selbstmord getrieben wurden. Die Stolpersteine werden zumeist vor den letzten freigewählten Wohnhäusern der Opfer in das Gehwegpflaster eingelassen.