Badische Zeitung vom Donnerstag, 12. Juni 2003

Haus der Erinnerung und Begegnung
Am 20. Juni wird das "Blaue Haus", das ehemalige jüdische Gemeindehaus, eingeweiht / Jüdische Woche vom 19. bis 26. Juni

Von unserer Redakteurin Agnes Pohrt

BREISACH. Nach 18-monatigen Renovierungs- und Restaurierungsarbeiten ist ein Projekt, das weit über Breisach hinaus Aufsehen erregt, fertig gestellt. Am Freitag, 20. Juni, wird das ehemalige jüdische Gemeindehaus, das so genannte "Blaue Haus", eingeweiht. Zu diesem Anlass findet auch eine jüdische Woche mit zahlreichen Veranstaltungen statt. Über 50 Besucher aus sechs Ländern werden erwartet. Überlebende des Holocaust der Breisacher jüdischen Gemeinde, ihre Kinder, Enkel und Freunde haben ihren Besuch angesagt.

"Es soll ein Haus der Erinnerung, Arbeit, Forschung und Begegnung werden", kündigte die Vorsitzende des Fördervereins ehemaliges jüdisches Gemeindehaus, Christiane Walesch-Schneller, in einem Pressegespräch an. Der Förderverein war 1999 gegründet worden, um das ehemalige Gemeindehaus vor dem Abriss zu bewahren und einen Ort des Gedenkens und der Begegnung zu schaffen. Im Jahr 2000 kaufte der Verein, dem mittlerweile etwa 240 Mitglieder angehören, das stark renovierungsbedürftige Gebäude an der Rheintorstraße 3, der ehemaligen Judengasse von Breisach, für etwa 150 000 Euro. Mit Spenden und der Unterstützung zahlreicher Institutionen und Sponsoren, insbesondere der Denkmalstiftung, des Landesdenkmalamtes, des Landkreises und der Stadt Breisach, konnte das denkmalgeschützte Gebäude für rund 310 000 Euro restauriert werden. Zahlreiche freiwillige Helfer, darunter Breisacher Schulklassen und Studenten aus europäischen Ländern in einem Sommerlager der Aktion Sühnezeichen, trugen mit insgesamt 1400 unentgeltlichen Arbeitstunden dazu bei, die Kosten niedrig zu halten.

Breisach hat eine jahrhundertelange jüdische Geschichte, die am 22. Oktober 1940 mit der Deportation der letzten 34 Gemeindemitglieder grausam beendet wurde. Zwischen 1875 und 1880 zählte die israelitische Gemeinde zwischen 530 und 560 Mitglieder. 1933 lebten in Breisach noch rund 250 Juden.

"Die jüdische Geschichte ist Teil der Stadtgeschichte", betonte Stadtarchivar Uwe Fahrer im Pressegespräch. Die Ursprünge des Hause an der Rheintorstraße 3 reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Es wurde als Gasthaus, "Judenschule" und Gemeindehaus genutzt. Nach der Zerstörung der Breisacher Synagoge am 10. November 1938 war der Betraum im Obergeschoss des Gemeindehauses das letzte religiöse Refugium der jüdischen Gemeinde.

Parallel zu der Restaurierung des Gebäudes wurden auch Kontakte zu Überlebenden der ehemaligen israelitischen Gemeinde Breisachs und ihren Nachfahren geknüpft. Eine erste Wiederbegegnung hatte bereits 1998 bei der Einweihung des neu gestalteten Synagogenplatzes stattgefunden. Zum 60. Jahrestag der Deportation der Breisacher Juden im Jahr 2000 wurde eine "Woche der Begegnung" veranstaltet.

Auch die Einweihung des restaurierten ehemaligen jüdischen Gemeindehauses, das in Anspielung auf seine Fassadenfarbe nun "das Blaue Haus" heißt, ist Anlass, die Kontakte weiter zu vertiefen. Vom 19. bis 26. Juni wird in Breisach eine jüdische Woche mit verschiedenen Höhepunkten veranstaltet. Nachdem die Gäste am Donnerstagabend, 19. Juni, von Bürgermeister Vonarb willkommen geheißen wurden, steht am Freitagvormittag die Einweihung des "Blauen Hauses" durch den Regierungspräsidenten Sven von Ungern-Sternberg auf dem Programm. Am Samstagnachmittag werden ein Tag der offenen Tür und ein Begegnungscafé mit Breisacher Bürgern stattfinden. Nach Sonnenuntergang werden Bilder der jüdischen Familien von Breisach auf die Häuser an der Rheintorstraße projiziert. Am Sonntagnachmittag finden um 16 Uhr finden in der ehemaligen Synagoge von Reguisheim (Elsass) ein Konzert und eine Lesung statt. Das Chagall-Quartett spielt in dem Benefizkonzert Musik jüdischer verfolgter Komponisten, außerdem wird eine Komposition von Szymon Laks uraufgeführt. Am Dienstag treffen sich die Gäste mit Schülern der vier Breisacher Schulen. Am Mittwoch findet um 18 Uhr im Martin Schongauer-Gymnasium eine Podiumsdiskussion unter dem Motto "Rückblick und Ausblick statt.


Das Programm der jüdischen Woche findet sich auch im Internet unter www.juedisches-leben-in-breisach.de

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