Badische Zeitung vom Mittwoch, 12. Mai 2010

"Vergessen geht einfach nicht"
Regierungspräsident Würtenberger besuchte das Blaue Haus




Christiane Walesch-Schneller informierte den Regierungspräsidenten Julian Würtenberger
über die Historie des Blauen Hauses in Breisach und über die heutige Arbeit in der Gedenkstätte.
Foto: Bianka Pscheidl

 

BREISACH. "Vergessen geht nicht", betont Julian Würtenberger im Hinblick auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Regierungspräsident stattete dem Blauen Haus in Breisach und damit einem bedeutenden Ort der Erinnerung und Mahnung in der Region einen ersten Besuch ab. Begleitet von mehreren Mitgliedern des Fördervereins informierte Christiane Walesch-Schneller ihren Gast über die Historie des ehemaligen jüdischen Gemeindehauses und die heutige Arbeit in der Gedenkstätte. Die Vorsitzende des rund 150 Mitglieder zählenden Fördervereins berichtete über die Aktivitäten, die dem Erwerb des Blauen Hauses im Jahr 2000 folgten. "Wir haben mittlerweile eine enge Vernetzung mit anderen Organisationen wie beispielsweise dem Breisacher Freundeskreis Oswiecim aufgebaut", erläuterte Walesch-Schneller, "die jeweiligen Projekte befruchten sich gegenseitig." Der Verein recherchiere intensiv, um das Schicksal der Breisacher Juden zu dokumentieren und möglichst viel geschichtliches Wissen zusammenzufügen.

Die Bibliothek, die federführend von Gerd Müller betreut wird, umfasst derzeit einen Bestand von 3000 Büchern, der auch online einsehbar ist. "Wir wollen auffindbar sein. Rund 10 bis 20 Prozent unserer Bücher sind in Freiburg und anderswo nicht zu finden", schätzt Müller. Ein Schwerpunkt der Sammlung sind alte Gebetbücher aus verschiedenen Ländern.

Zugleich sei das Blaue Haus eine sehr lebendige Begegnungsstätte, fuhr Walesch-Schneller fort. Man stehe mit rund 50 jüdischen Familien aus aller Welt in engem Kontakt, die meistens mit Breisach verbunden seien und sich zum Teil bereits hier getroffen hätten.

"Auch wenn unsere Arbeit manchmal nur symbolisch sein kann, sind diese Menschen angerührt von unseren Aktivitäten", hat die Vereinsvorsitzende schon häufig erlebt. Jeder habe einen individuellen Zugang zur schmerzlichen Geschichte. Oft helfe es bei der Verarbeitung, wenn man etwas Praktisches tun könne. "Dafür bietet sich das Blaue Haus an", so Walesch-Schneller, deren Verein derzeit eine Veranstaltung anlässlich des 70. Jahrestages der Deportation von mehr als 50 Breisacher Juden ins südfranzösische Lager Gurs vorbereitet. Bei dem fünftägigen Gedenken, das am 27. Juni beginnt, sollen unter anderem jugendliche Interviewer mit eingeladenen Zeitzeugen ins Gespräch kommen.

Werner Nickolai, Vorsitzender des Freundeskreises Oswiecim, stellte dem Regierungspräsidenten das Projekt "Für die Zukunft lernen" vor, das zu einem regen Austausch zwischen polnischen und deutschen Schülern und Sportlern geführt habe. Die Krönung der Entwicklung sei die offizielle Städtepartnerschaft zwischen Breisach und Oswiecim im Jahr 2009 gewesen. Zwei Breisacher Schülerinnen, die sich seit einer Projektarbeit im Blauen Haus engagieren, bemängelten, dass nach ihren Erfahrungen viele Altersgenossen in beiden Ländern nicht genügend Interesse für die gemeinsame Geschichte aufbringen.

Neben Bürgermeister Oliver Rein lobte auch Würtenberger die unglaubliche Schaffenskraft und den großen Erinnerungswillen der ehrenamtlichen Helfer im Blauen Haus: "Ihre Arbeit strahlt aus; was Sie hier tun, ist in die Zukunft gerichtet." Es sei gerade angesichts einer verbreiteten "Erinnerungsmüdigkeit" wichtig, an historischen Tatorten die Wahrheiten der eigenen Geschichte zur Kenntnis zu nehmen. "Das sind wir auch unseren Kindeskindern schuldig", mahnte der Regierungspräsident. Vielleicht werde die Aufarbeitung in den kommenden Generationen andere Formen finden als bisher, aber "Vergessen geht einfach nicht!"

Autor: Bianka Pscheidl

Zur vorhergehenden Seite Zum Beginn der Seite