Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer-Nahor

BREISACH. Was erwartet man hier zu Lande, wenn der Begriff "jüdische Musik" fällt? Natürlich Klezmermusik. Dass die Klezmermusik jedoch am Anfang des 20. Jahrhunderts bei jüdischen Komponisten und Interpreten in Deutschland kaum eine Rolle gespielt hat und - ursprünglich im Osten beheimatet - erst über Amerika ein Revival erfahren hat, ist vielen unbekannt.
Dies den Besuchern im "Blauen Haus" zu vermitteln, war ein Ziel von Heidy Zimmermann von der Paul Sacher Stiftung aus Basel und Eckhard John vom Volksliedarchiv Freiburg, die zum Thema "Jüdische Musik auf Schellack" referierten. Zunächst erklärten sie, was sie unter "jüdischer Musik" verstehen, ein Thema, das auch Gegenstand eines jüngst von ihnen herausgegebenen Buches ist. Wie in anderen Lebensbereichen ist auch hier die Ausgrenzung unter den Nazis verantwortlich dafür, dass Juden sich untereinander zusammenfanden. Dass dabei eine eigene Musikszene entstand, war eine Folgeerscheinung.
Vor 1933 habe es gar keine speziellen jüdischen Plattenlabels gegeben, berichtete Eckhard John. Sie waren ja auch nicht nötig, die Plattenfirmen sahen sich nicht veranlasst, auf die Frage der Religionszugehörigkeit der Interpreten zu achten. Doch im Zuge der zunehmenden Verbote für jüdische Kulturschaffende bildeten sich in Berlin zwei Plattenfirmen, die mit ihren Labels "Semer" und "Lukraphon" dieser Gruppe noch eine Zeit lang Gehör verschaffte.
Mit musikalischen Kostproben dieser frühen Aufnahmen, die allerdings nicht mit Hilfe eines Grammophons abgespielt, sondern inzwischen auf CD aufgenommen wurden, vermittelten Heidy Zimmermann und Eckhard John einen Eindruck von dem Repertoire dieser beiden Firmen. Und das nahm eine erstaunliche Bandbreite ein: Von religiösem, liturgischem Gesang über klassische Interpretationen und moderne Unterhaltungsmusik bis hin zu zionistischen Liedern, die bei der Einwanderung nach Palästina eine große Rolle spielten, war alles vertreten. Dazu gewährten die beiden Referenten einen mit profundem Wissen angereicherten Einblick in das jüdische Musikschaffen der damaligen Zeit. Dass auch da einiges im Wandel war, wurde an verschiedenen Stellen deutlich. So kam im Rahmen der religiösen Musik zur Sprache, dass der Einsatz der Orgel oder des gemischten Chors, der undenkbar für die Liturgie in einer orthodoxen Synagoge gewesen wäre, auch ihren Niederschlag auf der Schellackplatte fand. Und wie mit einem Trick dem Swing, der im nationalsozialistischen Deutschland angefeindet und dämonisiert wurde, doch eine Tür geöffnet wurde, demonstrierten die beiden Referenten anhand von Liedern, bei denen der Text zum Teil mit bedeutungslosen Silben bestritten wurde.
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