Badische Zeitung vom Mittwoch, 11. Mai 2005

Bilder einer zerstörten Kindheitserinnerung
Im Blauen Haus werden Fotos von Gerald Schwab gezeigt



Gerald Schwab am 8. Mai 2005 BREISACH (fsn). Viele Zeitzeugen haben in den vergangenen Wochen von ihren Erlebnissen beim Kriegsende im Mai 1945 berichtet. Gerald Schwab, jüdischer Emigrant und ehemaliger US-Soldat, fügte im Blauen Haus dieser Tage mit Fotos vom zerstörten Breisach und der Mitteilung seiner damaligen Eindrücke eine andere Perspektive hinzu.

Gerald Schwab wurde 1925 in Freiburg geboren. Seine Eltern stammten aus Breisach und so war er als Kind oft zu Besuch bei der Großmutter im Gasthaus Bären am Augustinerberg und den Großeltern in der Münsterbergstraße. Ihm und seiner Familie, die die letzten Jahre vor der Flucht in Lörrach gewohnt hatte, gelang 1940 in letzter Minute die Ausreise über Genua in die Vereinigten Staaten.

1944 kehrte er dann als Soldat der US-Armee nach Europa zurück, zuerst nach Italien, wo er am Gardasee das Kriegsende erlebte. Später war er in Österreich stationiert, von wo aus er 1945 und 1946 die alte Heimat besuchte.

Bei diesen Reisen sind die Fotos entstanden, die noch bis Ende September im Blauen Haus zu sehen sind und deren Originale heute im Holocaust Memorial Museum in Washington aufbewahrt werden. Ein Bild der Verwüstung bot sich dem damaligen Besucher. Nur noch einzelne Häuser waren einigermaßen unversehrt. Natürlich interessierten Schwab in erster Linie die Plätze, an die seine Kindheitserinnerungen geknüpft waren. Deshalb gibt es mehrere Bilder von der völlig zerstörten Münsterbergstraße, wo die Giebelwände der Häuser gespenstisch mahnend in den bewölkten Himmel ragen. Aber auch den hinteren Teil der Stadt, insbesondere die Gegend um das Gasthaus Bären, fotografierte er, vor allem, um den Eltern einen Eindruck zu vermitteln.

Die meisten der ausgestellten Bilder sind 1946, beim zweiten Besuch, entstanden, erzählte Schwab. Das erkenne man daran, dass der Schutt inzwischen von den Straßen geräumt war. Am Aufbau der Häuser hatte sich bis zu jenem Zeitpunkt aber nicht viel getan. Sehr befremdet habe ihn damals die Tatsache, dass man sich bezüglich des Wiederaufbaus nur um das Münster gekümmert habe, während die Menschen in primitiven Verhältnissen in Kellern gehaust haben, erinnerte sich Schwab. Wie man auf ihn als amerikanischen Soldaten reagiert habe, wollten die Besucher wissen. Eigentlich habe er kaum mit Breisachern gesprochen. Die meisten hätten sich hinter den Vorhängen versteckt. Seine damaligen Gefühle ließen sich jedoch so zusammenfassen: „Für mich war es schön, in Uniform zurückzukommen.“

Jahrzehntelang war Gerald Schwab nicht mehr in Breisach gewesen. Die jetzt ausgestellten Bilder hätte die hiesige Öffentlichkeit wohl nicht zu sehen bekommen, wenn nicht durch den Förderverein Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Kontakte mit jüdischen Emigranten geknüpft worden wären, zu denen vor zwei Jahren auch Gerald Schwab und seiner Frau Joanne zählte. Der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ in Berlin ist es zu verdanken, dass die Anreise von Gerald Schwab und seiner Frau ermöglicht wurde und die Ausstellung realisiert werden konnte.

Nun wünscht man sich im Blauen Haus, dass sich viele Besucher für die Bilder Zeit nehmen und in einem eigens dafür eingerichteten Buch ihren Eindrücken und Gedanken Ausdruck geben. Dafür öffnet man das Haus auch gerne nach telefonischer Vereinbarung unter 07667/911374.

 

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