Badische Zeitung vom Mittwoch, 10. September 2008

Einblicke in die jüdische Geschichte
Günter Boll und Ruben Frankenstein informierten über die jüdische Gemeinde von Ihringen und die Haggadot von Abraham Levi



Von unserem Mitarbeiter Kai Kricheldorff

IHRINGEN. Ihringer Geschichte, verbunden mit einem Stück jüdischer Familienhistorie, aber auch der Blick auf ein Kapitel jüdischen Kunstschaffens in der Winzergemeinde am Kaiserstuhl, wurde bei einem gut besuchten Vortragsabend zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur im Rathaus präsentiert. Seit 12 Jahren wird dieser Tag in vielen Ländern Europas mit Erinnerungsveranstaltungen, Symposien, Ausstellungen und Konzerten begangen. Ihringen leistete in diesem Jahr dazu einen wichtigen Beitrag.

Der Historiker Günter Boll, profunder Kenner der jüdischen Geschichte am Oberrhein, gab einen kurzen Einblick in die Entstehung der Jüdischen Gemeinde Ihringens. Vor gut 300 Jahren wurde sie vom Vorsteher der Breisacher Jüdischen Gemeinde, Joseph Günzburger, gegründet. Vier jüdische Familien siedelten sich anfangs in Ihringen an.

Günzburger, ein wohlhabender und einflussreicher Händler, half auch, jüdische Ansiedlungen in anderen Ortschaften der damaligen Markgrafschaft Baden-Durlach mitzubegründen. Unter anderem in Eichstetten, Müllheim und Sulzburg. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, so Günter Boll, lebten etwa 50 jüdische Familien in den damaligen oberbadischen Gemeinden. Ihringen, das zu dieser Zeit etwa 1000 Einwohner hatte, war zum Wohnort von etwa 50 Juden geworden.

Einer von ihnen war Abraham Levi (1694 — 1764), der sich um 1730 am Kaiserstuhl niederließ und als Schreiber bedeutende Kunstwerke jüdischer Kultur schuf, nämlich Haggadot, handgeschriebene und reich illustrierte Bücher mit Darstellungen biblischer Szenen und Erklärungen zu Regeln und Ritualen, die beim jüdischen Pessach-Fest zu befolgen sind. Daniel Bing, ein Orientalistik-Professor aus dem US-Bundesstaat Tennessee, hat erst in den vergangenen sechs Monaten Gewissheit darüber gewonnen, dass er ein Nachfahre dieses Abraham Levi ist. Bings Urgroßvater, Leopold Levi Blum, wanderte vor rund 150 Jahren von Ihringen nach New York aus, wo er sich als Weinhändler betätigte.

Bei Nachforschungen über seine Vorfahren stieß Bing auf Abraham Levi und seine für die jüdische Kulturgeschichte bedeutenden Haggadot. Drei der nachweislich von Abraham Levi gefertigten, in Leder gebundenen schmalen Bände, existieren noch heute. Zwei sind in Museen in Jerusalem und London ausgestellt, die dritte Haggada befindet sich in französischem Privatbesitz. Die von Abraham Levi in Ihringen geschriebenen und gestalteten Bücher — ihr Umfang umfasst jeweils rund 30 Seiten — sind von ihm meist in Versform gehalten und in verschiedenen Sprachen getextet worden. Die überwiegend farbenfrohen, mit Ornamenten und floralen Mustern reich verzierten Abbildungen, hat Levi mit Wasserfarben auf das kostbare Pergament gemalt.

Sehr ausführlich präsentierte der Orientalist Ruben Frankenstein die teilweise auf Grund der geringen Abbildungsgröße für die Besucher kaum noch erkennbaren Illustrationen und übersetzte spontan Textstellen aus Abraham Levis Haggadot. Die von Professor Bing gesammelten Erkenntnisse über die Herkunft der Bücher, nannte der Freiburger Wissenschaftler "einen Glückstag für Ihringen" . Der Kulturabend im Rathaus endete mit der Kurzvorstellung des Jugendprojekts "Spurensuche" (wir berichteten) durch Ihringens Jugendpfleger Frank Forster und einige beteiligte Jugendliche. Am 9. November, dem 70. Jahrestag der Pogromnacht gegen jüdische Bürger in Deutschland im Jahre 1938, will die Gruppe erste Ergebnisse ihrer Arbeit öffentlich vorstellen.

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