Badische Zeitung vom Mittwoch, 9. März 2005

Gemieden, geschnitten und ignoriert
Die jüdische Emigrantin Ruth Weiss berichtete im "Blauen Haus" über ihr Leben in Südafrika



Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer

 

Ruth Weiss in Breisach
Foto: FRIEDEL SCHEER
BREISACH. Vielfältig und oft ergreifend sind die Lebenswege der jüdischen Emigranten, die in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts das nationalsozialistische Deutschland verlassen mussten. Was die 1924 in Fürth bei Nürnberg geborene Ruth Weiss in einer Veranstaltung des "Blauen Hauses" über ihre Emigration zu erzählen hatte, war spannend und informativ zugleich.

Denn die bekannte Autorin mehrerer Sachbücher und Romane verstand es, neben der Darstellung ihres familiären Schicksals sowohl geschichtliche Hintergrundinformationen zur Stellung der Juden in Deutschland zu vermitteln als auch einen aufschlussreichen Abriss über die Geschichte des Staates Südafrika zu geben, wohin sie 1936, zusammen mit ihrer Familie, geflüchtet war.

Aus ihrem autobiografischen Buch "Wege im harten Gras" las sie zunächst einen Abschnitt, in dem sie den Tag beschrieb, an dem in der Schule alles anders wurde. Eindrücklich trug sie vor, wie sie von den Klassenkameraden gemieden, von den Freundinnen geschnitten und vom Lehrer ignoriert wurde. Doch dann stieg sie bald auf freies Erzählen um, nicht zuletzt weil sie so mehr Information in der Kürze der Zeit vermitteln konnte, was aber nicht minder packend war.

Von ihrem Vater berichtete sie, der schon 1933 seine Arbeitsstelle in der Spielwarenindustrie verlor und sich deshalb frühzeitig entschloss, Deutschland zu verlassen, obwohl er sich "als guter Deutscher jüdischen Glaubens" verstand. In Südafrika fand er durch die Vermittlung von Verwandten eine neue Bleibe und holte seine Familie 1936 nach, kurz bevor Südafrika die Immigration von Juden durch ein Gesetz radikal erschwerte. Durch das eigene Schicksal sensibilisiert und durch die Mitarbeit im "Unabhängigen Kulturverein" in Johannesburg zusätzlich politisiert, begann für Ruth Weiss ein Leben, in dem sie nie aufhörte, sich politisch zu engagieren und für Gerechtigkeit einzusetzen.

Fesselnd schilderte sie, wie die Auswirkungen der Apartheidpolitik das tägliche Leben beeinflussten. Dazu führte sie eigene Beispiele an, breitete aber auch eine Fülle von Informationen bezüglich der Geschichte des Staates aus, die die Hintergründe der Rassenpolitik etwas erhellten.

So berichtete sie zum Beispiel von der Ansiedlung der Buren nach dem Dreißigjährigen Krieg und deren anhaltenden, durch nichts zu revidierenden Weltsicht, dass schwarze und farbige Menschen den weißen generell unterlegen seien.

So kam es, dass nach 1948, als die Buren die staatliche Oberhand gewannen, die Apartheid im Gesetz festgeschrieben wurde. Die Menschen wurden in die Rassenklassen "weiß", "farbig", "schwarz" und "indisch, asiatisch" eingeteilt. So klassifiziert, waren die Entfaltungsmöglichkeiten für die Nicht-Weißen beschränkt und besiegelt. Die Parallelen zu Praktiken im Nazi-Deutschland waren nicht nur für Ruth Weiss ersichtlich.

Weiss wurde Wirtschaftsjournalistin und arbeitete für renommierte Zeitungen in Südafrika, Rhodesien (heute Simbabwe) und England, in den 70er-Jahren auch für die Deutsche Welle in Köln. Seit ihrer Pensionierung schreibt sie Romane, zuletzt "Der Judenweg", die Geschichte eines jüdischen Jungen aus dem 15. Jahrhundert. Seit zwei Jahren lebt sie im Münsterland in Nordrhein-Westfalen.

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