Badische Zeitung vom Donnerstag, 9. Februar 2006

Aus Achtung wurde Verachtung
Die Katholische Fachhochschule Freiburg hat das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden von 1933 bis 1940 in Breisach untersucht



Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer

 

Jürgen Sehrig - Michael N. Ebertz - Werner Nickolai
FOTO: Friedel Scheer
BREISACH. Die Frage, wie es in Deutschland dazu kommen konnte, dass das relativ einträchtige Zusammenleben zwischen Juden und Christen sich in kurzer Zeit dahingehend entwickelte, dass Synagogen niedergebrannt und die Deportation von Juden schweigend hingenommen wurden, steht heute immer noch im Raum. Sie stand auch am Anfang der Forschungsarbeit der Katholischen Fachhochschule Freiburg über das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden von 1933 bis 1940 in Breisach, die nun ihren Niederschlag in einem Buch gefunden hat.

Vor kurzem wurde dieses Buch, das von Werner Nickolai, Jürgen Sehrig und Michael N. Ebertz herausgegeben wurde, im Blauen Haus der Öffentlichkeit vorgestellt. Studierende der katholischen Fachhochschule hatten im Rahmen dieses Forschungsprojekts Interviews mit Zeitzeugen von beiden Seiten geführt. Während der Woche der Begegnung im Jahr 2000, als ehemalige Breisacher Juden auf Einladung der Stadt zu Besuch in der Münsterstadt waren, wurden 5 jüdische Gäste befragt, die aus der Zeit vor ihrer Emigration berichteten. Etwas später wurden dann Interviews mit heute noch in Breisach Lebenden geführt, die zum Befragungszeitpunkt 70 Jahre alt oder älter waren. Hierzu erklärten sich 7 Personen bereit.

Die Gespräche wurden schriftlich festgehalten und Sequenzen daraus unter thematischen Gesichtspunkten geordnet. So wurde ermöglicht, dass im Buch die Erlebnisse und Erinnerungen zu einzelnen Themen, wie etwa Schule, Freundschaften, Nachbarschaft oder Vereinsleben, sowohl aus jüdischem wie aus nichtjüdischem Blickwinkel betrachtet und einander gegenübergestellt werden konnten.

Dass das Projekt nur dank der Bereitschaft der Zeitzeugen zu Stande kommen konnte, stellte Jürgen Sehrig, der für die gesprächsmethodische Vorbereitung verantwortlich war, in seiner Begrüßung heraus. Zwar wurden die Gesprächsteilnehmer im Buch anonymisiert, dennoch sei ihr Mut zu würdigen. “Man erzählt viel Persönliches und macht das öffentlich” , betonte er.

Eine theoretische Einführung in das Thema gab Michael N. Ebertz, Professor an der Katholischen Fachhochschule, in seinem Eröffnungsvortrag und machte dabei auf einen neueren Forschungsansatz aufmerksam, der zu erklären versucht, wie es in einer Gesellschaft zu einer derartigen Ausgrenzung einer Minderheit kommen kann, wie dies im nationalsozialistischen Deutschland geschehen ist. Hiernach räumte er mit der Vorstellung auf, es habe sich damals bei Tätern und Mitläufern um psychisch krankhaft Veranlagte gehandelt.

Vielmehr sei es so gewesen, dass sich der Bedeutungsrahmen, also die Bewertung von sozialen, sachlichen und ideellen Objekten, rapide verändert habe. “Aus partiell Unterschiedenen wurden generell in allen Daseinsbereichen Unterlegene gemacht.”

In der anschließenden regen Diskussion wurde immer wieder die Frage aufgeworfen, ob die Welt in Breisach vor dem Nationalsozialismus tatsächlich so heil war, wie aus den Berichten der Zeitzeugen im Buch zu entnehmen sei. Das zu beantworten, so war sich das Autorenteam einig, kann nicht die Absicht des Buches sein. Man habe die in einem offenen Gespräch gewonnenen Aussagen so registriert, wie sie gemacht wurden, und da berichteten sowohl Juden als auch Nichtjuden von einem einvernehmlichen und von gegenseitiger Achtung geprägten Leben vor 1933.

Auch die Frage, ob sich solche Ereignisse wiederholen könnten, wurde gestellt, und aus dem Publikum spontan mit “Ja” beantwortet. Michael N. Ebertz untermauerte dies noch: “3 bis 4 Bedingungen, die zusammenspielen müssen, könnten zu einer erneuten Verschiebung des Referenzrahmens führen.” Deshalb sei es wichtig, die Vorgänge um soziale Bewertungen im Auge zu behalten.

Das Buch: Werner Nickolai, Jürgen Sehrig, Michael N. Ebertz: Das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in der Zeit von 1933 bis 1940 in Breisach. Hartung-Gorre Verlag Konstanz 2006. ISBN 3-86628-050-5

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