Badische Zeitung vom Freitag, 8. September 2006

Die Spuren der Rabbinerfamilie Kahn Abo
Zum Europäischen Tag der Jüdischen Kultur gab es ein grenzüberschreitendes Programm



 

BREISACH (fsn). Weil das jüdische Leben auf beiden Seiten des Oberrheins vieles an Geschichte, Kultur, Tradition und Architektur gemeinsam hat, ist es schon seit einigen Jahren üblich, dass es ein von den Verantwortlichen des Elsasses und Baden-Württembergs gemeinsam aufgestelltes Programm zum Europäischen Tag der Jüdischen Kultur gibt. Dieser Gedanke der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit wurde in diesem Jahr nun auf ganz lokaler Ebene aufgenommen. Die Freunde des "Blauen Hauses" in Breisach und der Freundeskreis der ehemaligen Synagoge in Sulzburg taten sich zusammen und organisierten für die Interessierten der Region ein zweisprachiges Programm, das zeitlich so abgestimmt war, dass man sich mühelos von einer Veranstaltung zur andern bewegen konnte.

Bei diesem so genannten Itineraire, also der Spurensuche in noch nicht erforschtem Gebiet, orientierte man sich an der Rabbinerfamilie Kahn, deren ältester namhaft zu machender Stammvater, Isaak Kahn, um 1700 Rabbiner in Rappoltsweiler war. Dort war auch sein Sohn Jakob Kahn bis zu seinem Tod 1722 Rabbiner, an dessen Grab in Schlettstadt der erste Treffpunkt war. Weitere Stationen waren in Biesheim und Sulzburg und zum Schluss in Breisach. Dort traf man sich im Blauen Haus, wo Günter Boll, ausgewiesener Kenner der regionalen jüdisch-kulturellen und familiengeschichtlichen Zusammenhänge, dem interessierten Publikum Rede und Antwort stand.

Zuvor stand jedoch noch ein Besuch auf dem alten jüdischen Friedhof auf dem Programm, wo der Grabstein eines Breisacher Vertreters der Familie, Marx Kahn, in Augenschein genommen werden konnte. Wie auf allen Grabsteinen von Nachkommen der Kahns, sind auch auf diesem Grabstein deutlich zwei Hände zu sehen, ein Hinweis darauf, dass den männlichen Trägern dieses Namens im jüdischen Ritus eine besondere, eine segnende Rolle zukommt.

Diese Symbolik erklärte Günter Boll genauso kenntnisreich, wie die Umstände, die dazu geführt haben, dass der Vater dieses Marx Kahn, David Kahn, der auch schon Rabbiner in Breisach war und zum Landesrabbiner aufstieg, für dieses Amt nach Sulzburg ziehen musste. Breisach war zu dieser Zeit nämlich noch österreichisches beziehungsweise französisches Ausland und der markgräfliche Landesherr konnte nicht dulden, dass der Landesrabbiner außerhalb des Landes wohnte. Boll betonte dabei, dass die politischen Verhältnisse für die jüdische Bevölkerung zu dieser Zeit kein Hinderungsgrund für regen Kontakt untereinander waren. Dennoch mussten sie auf die Wünsche der politischen Herrschaft eingehen.

Vielfältig waren die Fragen, die aus dem Publikum an Günter Boll gestellt wurden. Neben linguistischen Besonderheiten in Bezug auf die jüdische Namengebung, wurde auch ausgiebig die Praxis der Zuteilung von Land für jüdische Friedhöfe diskutiert. Einige Besucher hatten festgestellt, dass die Friedhöfe oft auf unwirtlichem Land in schwieriger geographischer Lage zu finden sind. Überraschend war hier Bolls Erklärung, dass das nicht selten auch im Interesse der jüdischen Gemeinde begründet lag. Denn anders als auf christlichen Friedhöfen ist das jüdische Grab für die Ewigkeit angelegt und schon allein aus diesem Grund war man froh, wenn das Land für eine andere, wirtschaftliche Nutzung auf lange Zeit hinaus kaum in Frage kam.

Ein Imbiss rundete die Veranstaltung ab, wobei es reichlich Gelegenheit gab, auch untereinander ins Gespräch zu kommen.