Badische Zeitung vom Montag, 7. September 2015

Gut besuchte Führungen im Blauen Haus
Europäischer Tag der jüdischen Kultur: Den Europäischen Tag der jüdischen Kultur beging das Blaue Haus mit Filmpräsentationen und Führungen durch die Gedenk- und Begegnungsstätte im ehemaligen jüdischen Gemeindehaus sowie auf den beiden jüdischen Friedhöfen.




(Foto: Kai Kricheldorff)

BREISACH. Zahlreiche interessierte Besucher, auch aus der Schweiz und Frankreich, nutzten das Angebot.

Sie informierten sich dabei sowohl über die Einrichtung als auch über die 350 Jahre alte Geschichte der jüdischen Gemeinde Breisach. Gerd Müller, stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins Blaues Haus, gab dazu einen historischen Überblick. 1860 lebten 660 Juden in Breisach. Ihr Anteil an der städtischen Gesamtbevölkerung betrug damals 18 Prozent. Nachdem kurz darauf die örtlichen Niederlassungsbeschränkungen für Juden in Baden aufgehoben wurden, zog es viele von ihnen aus den Landgemeinden in die Großstädte.

1933 hatte Breisach nur noch 250 jüdische Mitbürger. Rund zwei Drittel von ihnen emigrierten nach Machtübernahme der Nationalsozialisten. Die anderen wurden Opfer brutaler rassistischer Gewalt, mit der das Hitler-Regime das europäische Judentum auszulöschen suchte.

"Das Blaue Haus ist das älteste unzerstört gebliebene Gebäude Breisachs". Mit dieser Feststellung umriss Gerd Müller die stadtgeschichtliche Bedeutung des ehemaligen jüdischen Gemeindehauses, das Jahrzehnte lang auch als Gasthaus gedient hatte. Entsprechend seiner Zielsetzung hatte der Förderverein um die Jahrtausendwende das Haus gekauft, renoviert und in einen Ort des Lernens und der Begegnung verwandelt.

Mit dem Aufbau eines internationalen Netzwerks zu ehemaligen Breisacher Juden und ihren Nachkommen sei es dem Förderverein gelungen, Brücken zu schlagen, erklärte Müller. Damit nahm er das auch diesjährige Motto des Europäischen Tags der jüdischen Kultur auf.

Als "Haus der Toleranz" öffne sich die Einrichtung auch Flüchtlingen, erklärte der stellvertretende Fördervereinsvorsitzende.

Viele Besucher nahmen an den Führungen durch das Blaue Haus teil, stellten Fragen oder berichteten von überlieferten Erinnerungen an das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in Breisach in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Großes Interesse fanden die Filmdokumentationen des Freiburger Filmemachers Bodo Kaiser zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Breisach und des Blauen Hauses. Viele Teilnehmer nutzten auch die Gelegenheit zu einer geführten Begehung der beiden jüdischen Friedhöfe in der Stadt.

Am Ende des Tages zog Fördervereins-Vorsitzende Christiane Walesch-Schneller ein positives Resümee: "Es sind mehr Besucher als erwartet gekommen und viele von ihnen beteiligten sich sehr intensiv an den Gesprächsrunden, die sich über den Tag hinweg immer wieder gebildet haben."