Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer

BREISACH. Auch in diesem Jahr war der Förderverein ehemaliges jüdisches Gemeindehaus beim Europäischen Tag der jüdischen Kultur mit von der Partie: Das "Blaue Haus" konnte am Sonntag von 11 bis 18 Uhr besichtigt werden und am Abend wurde eine Lesung mit Manés Sperbers Texten zum Thema "Ich muss mir merken, wie ich heiße" veranstaltet. Höhepunkt am Nachmittag war jedoch die Einweihung des Archivs und der Bibliothek im "Blauen Haus".
Günter Boll, Experte, was die Geschichte der Juden in der Region angeht, gab anhand von Dokumenten zur Geschichte eines Breisacher Juden, nämlich des 1903 geborenen Theo Günzburgers, ein Beispiel für die Art der Archivalien, die das "Blaue Haus" in den letzten Jahren erhalten hat. Von der Geburtsurkunde und verschiedenen Ausweisen Günzburgers über Fotoaufnahmen, beispielsweise vor der elterlichen Metzgerei in der Neutorstraße, bis zur Heiratsurkunde aus dem Jahr 1951, die die Eheschließung mit der verwitweten Emma Bochner bezeugt, waren da Dokumente Günzburgers vertreten.
Dem Archiv des "Blauen Hauses" übergeben hat dies Günzburgers Stiefsohn Albert Bochner aus Frankreich, alleiniger Nachfahre des kinderlos gebliebenen Auschwitz-Überlebenden, der im Jahr 2000 zufällig von dieser Einrichtung in Breisach erfahren hatte. Damals hatte er die Einladung der Stadt Breisach an seinen bereits 1997 verstorbenen Stiefvater geöffnet und ist dank der Vermittlung des Fördervereins an seiner Stelle in die Münsterstadt gereist.
Auch viele andere Nachkommen von Breisacher Juden haben in der Vergangenheit Material und Dokumente ans "Blaue Haus" übergeben, in der Hoffnung, damit dem Bild von dem, was geschehen ist, ein Mosaikstückchen hinzuzufügen. Großes Vertrauen setzen diese Leute in die Verantwortlichen des Archivs, bemerkte Günter Boll, eine Last, die wie ein schweres Erbe sei und nicht ganz einfach zu tragen ist. Alle Dokumente sollen in nächster Zeit Einzelpersonen oder Familien zugeordnet und später auch mit dem Computer erfasst und zugänglich gemacht werden.
Auch in der Bibliothek ist bis heute schon viel Arbeit geleistet worden. Bücherregale mussten beschafft, Titel aufgenommen und eine thematische Einteilung der Bücher vorgenommen werden. Verantwortlich für diese Arbeit ist Diplom-Bibliothekar Gerd Müller, der dem interessierten Publikum vom bisherigen Werdegang der Bibliothek, der noch "der Charme des Unfertigen" anhaften würde, erzählte. Den Grundstock mit etwa 250 Büchern legte Martin Bier, der Gründungsmitglied und erster stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins war. Dem 2001 verstorbenen Bier wurde daher auch im Beisein seiner Frau, Elisabeth Bier, die Bibliothek gewidmet.
Doch auch andere Personen und Institutionen haben in der Vergangenheit, wenn auch in kleinerem Umfang, dem "Blauen Haus" Bücher zukommen lassen, sodass der Bestand inzwischen auf 1000 Titel angewachsen ist. Zu den besonders anschaulichen Stücken gehören alte Gebetbücher, zum Teil mit familiengeschichtlichen Daten versehen, die die ehemaligen Eigentümer ein Leben lang in die Synagoge begleitet haben. Daneben sind in der Bibliothek aber vor allem Bücher vertreten, die Aufschluss geben über allgemeine Fragen des Judentums, über geschichtliche Themen, über die Zeit des Nationalsozialismus und über das moderne Israel.
Besonders stolz ist Müller auf das Kinder- und Jugendbuchregal, das nicht nur jungen Menschen eine Auswahl bieten, sondern auch Lehrern eine Arbeitshilfe sein soll. Spenden für die Bibliothek seien immer willkommen, betont Müller, vor allem Kinder- und Jugendbücher.
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