BZ: Wie schätzen Sie die Bedeutung des Blauen Hauses ein?
Bar-On: Erst einmal, es ist schön, dass es da ist. Ich kann mir vorstellen, dass es viele Zwecke erfüllen kann. Es kann ein Bezugspunkt werden für die Familienangehörigen, deren Vorfahren von Breisach stammen. Es kann ein Platz werden, wo junge Leute, die an der Geschichte von Breisach in der Nazi-Zeit interessiert sind, Informationen erhalten können. Es kann aber auch ein Platz werden für Leute, die Ähnlichkeiten in ihrem eigenen Kontext sehen, wie etwa Leute aus Jugoslawien, und herausfinden wollen, wie man in Deutschland die Geschichte bearbeitet. Allerdings können aber auch große Illusionen und Frustrationen daraus erwachsen. Das hängt damit zusammen, dass Breisach ein kleiner Ort ist und es da erfahrungsgemäß immer schwieriger ist, Dinge zu bearbeiten, die mit Schuld und Scham zu tun haben.
BZ: An wen denken Sie, wenn Sie sagen, Illusionen könnten enttäuscht werden? An die Nachkommen der Breisacher Juden oder an diejenigen, die sich hier engagieren?
Bar-On: An beide. Wer denkt, dass dieses Haus Breisach verändern wird, ist in Gefahr. Aber ich glaube, für die, die wirklich interessiert sind, bestimmte Sachen zu lernen und die Relevanz für die eigene Familie und das eigene Leben anzuerkennen, kann dies ein wichtiger Ort werden. Es ist aber immer nur eine Minderheit, die an solchen moralischen Fragen interessiert ist.
BZ: Was halten Sie von dem immer wieder bei jungen Leuten zu hörenden Überdruss, was dieses Thema anbelangt?
Bar-On: Es wird hierbei viel falsch gemacht. Das Problem haben wir doch auch bei uns. Einerseits werden die Leute belastet mit Informationen und andererseits wissen sie gar nicht, was passiert ist. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, dass manche Lehrer oder Politiker Angst haben, etwas falsch zu machen und sie daher nur oberflächlich oder überschwänglich darüber reden und das distanziert die Leute davon. Man muss freiwillig an das Thema kommen und nicht durch Zwang. Zwang schürt nur Abwehrmechanismen. Junge Leute brauchen einen Anreiz, um sich damit auseinander zu setzen. Es muss konkret sein und selbst erarbeitet werden. Zum Beispiel kann man versuchen herauszufinden, wer in der eigenen Straße gewohnt hat und warum sie weggezogen sind.
BZ: Können Sie sich vorstellen, mit dem Blauen Haus künftig in Verbindung zu bleiben?
Bar-On: Es könnte sein, dass ich es beratend begleite. Ich habe auch ein Seminar zum Thema „Schweigen“ vorgeschlagen, das hier stattfinden könnte.
Literaturhinweis: Dan Bar-On: Erzähl dein Leben! Meine Wege zur Dialogarbeit und politischen Verständigung. Edition Körber-Stiftung 2004.

FOTO: FRIEDEL SCHEER
BREISACH. Mit neuen Wegen in der Erforschung von Verständigungsprozessen hat Dan Bar-On, Professor für Psychologie an der Ben-Gurion-Universität in Beer-Sheva in Israel, internationale Anerkennung erworben. In den 80er-Jahren arbeitete er mit den Kindern von Nazi-Tätern, interviewte sie und initiierte Treffen mit Shoah-Nachkommen. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt galt in jüngerer Zeit der Verständigung von Juden und Arabern. Vor kurzem war Dan Bar-On im Blauen Haus in Breisach zu Gast. Mit ihm unterhielt sich BZ-Mitarbeiterin Friedel Scheer.
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