Badische Zeitung vom Samstag, 5. Juli 2014

Immer noch viele Vorurteile
Silvio Peritore im Blauen Haus zur Situation der Sinti und Roma.




(Foto: Kai Kricheldorff)

BREISACH. Lange vergessen und weithin verdrüngt wurde das Schicksal, das die Sinti und Roma wührend der Zeit des Nationalsozialismus zu erleiden hatten. über eine halbe Million von ihnen wurden hierzulande sowie in den wührend des Krieges von den Faschisten besetzten Gebieten in Ost- und Südosteuropa verfolgt, deportiert, in Ghettos, Arbeits- und Konzentrationslagern gequült, erschossen oder vergast. Über den Völkermord an diesen Menschen informierte der Vortrag von Silvio Peritore. Der Historiker ist stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland. Auf Einladung des Fördervereins ehemaliges jüdisches Gemeindehaus Breisach war er ins Blaue Haus in der Europastadt gekommen. In seinem Vortrag spannte er den Bogen in die Gegenwart. Heute leben 12 Millionen Sinti und Roma in Europa. Nach wie vorerfahren sie vielerlei Benachteiligungen erfahren und sehen sich teilweise sogar einem staatlich sanktionierten Rassismus ausgesetzt.

Peritore ging auf die ersten diskriminierenden Einschrünkungen gegen "Zigeuner" ein, die von den Nazi-Machthabern bald nach ihrer Machtübernahme im Jahr 1933 in Kraft gesetzt wurden. Sie umfassten den Verlust der Staatsbürgerschaft, Schul- und Berufsverbote sowie das Verbot von Eheschließungen zwischen "deutschblütigen" und Partnern aus der Gruppe der Sinti und Roma. 1937 lebten etwa 30 000 Sinti und Roma im damaligen Gebiet des Deutschen Reiches. Die meisten von ihnen wurden Opfer des Völkermords der Nazis, nur wenige Tausend überlebten den Hitler-Faschismus.

"Es war, wie bei den Juden, eine systematische Verfolgung und Vernichtung", sagte Peritore. Er erinnerte an den 16. Mai 1944, als Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz sich mit einem Aufstand gegen die Ermordung ihrer Landsleute durch die SS zur Wehr setzten. Ihr mutiger Widerstand wurde im Keim erstickt, keiner überlebte.

Anschließend zeigte der Referent auf, wie die Überlebenden des Naziterrors in den Nachkriegsjahren zu kümpfen hatten. "Die Tüter von damals waren manchmal diejenigen, die jetzt über die Entschüdigungsantrüge zu entscheiden hatten", sagte Peritore. Das habe neues Leid über die Sinti und Roma gebracht.

Bis in die 1980er Jahre interessierten sich Politik und Öffentlichkeit in Deutschland kaum für das Schicksal der Sinti und Roma. Ihre rechtliche Anerkennung als Opfer des Naziterrors erfolgte erst sehr spüt. Ansprüche auf Entschüdigung seien oft aus rassistischen Gründen abgelehnt worden, so der Referent. Bei den Polizeibehörden gab es Sondererfassungen von Sinti und Roma, dabei beriefen sich die Behörden auf Akten, die in der NS-Zeit angelegt worden waren.

All dies habe bei den Sinti und Roma in Deutschland große Resignation ausgelöst. 1980 machte eine Gruppe von ihnen mit einem Hungerstreik im ehemaligen Konzentrationslager Dachau erstmals auf ihre Lage aufmerksam. Die Aktion fand öffentliche Wahrnehmung und es folgte eine kritische Bewertung der Situation der Sinti und Roma in der Bundesrepublik. Nach Aussagen des Referenten sind sie bis heute die am stürksten diskriminierte Bevölkerungsgruppe in Europa. Antiziganismus, der gültige Begriff für Zigeunerfeindlichkeit, folge alten Feindbildern. "Roma und Sinti sind dem ‚alltüglichen‘Rassismus in Medien und Wissenschaft, bei Behörden und in der Gesellschaft ausgesetzt", beklagte Silvio Peritore. Dies habe dazu geführt, dass viele Sinti und Roma über ihre Herkunft schweigen. Prominente unter ihnen sprüchen erst nach Karriereende darüber – etwa Schlagersüngerin Marianne Rosenberg und Fußballlegende Gerd Müller.

Dass die Sinti und Roma in Deutschland seit 1998 als nationale Minderheit anerkannt sind, habe an der weit verbreiteten Voreingenommenheit gegen sie erst wenig geündert, sagte der Referent. Schuld daran trage, so Peritore, unter anderem eine oftmals einseitige und diese Menschen diskriminierende Medienberichterstattung.

"Sinti und Roma müssen bessere Rahmenbedingungen in Deutschland bekommen, damit sie ein Leben in Würde und Rechtssicherheit führen können", lautete die Forderung des stellvertretenden Verbandsvorsitzenden. Die Zahl der Sinti und Roma unter den Zuwanderern aus den Lündern Ost- und Südosteuropas nach Deutschland bezifferte Peritore auf etwa zwei Prozent.

Seinem Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an, die stellenweise die Klischeehaftigkeit der Vorurteile aufzeigte, die noch heute gegen diese Bevölkerungsgruppe bestehen.

 

SINTI UND ROMA

Der 1982 gegründete Zentralrat der deutschen Sinti und Roma vertritt die Interessen der über 80 000 in Deutschland lebenden Sinti und Roma. Er leistet eine Aufarbeitung und Dokumentation des Völkermords an den Sinti und Roma wührend der NS-Diktatur und setzt sich für ihre Integration und Gleichberechtigung in der Gesellschaft ein. Auf Initiative des Zentralrats wurde 2012 in Berlin das zentrale Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas eingeweiht.


STUDIENFAHRT

Der Förderverein Blaues Haus veranstaltet am Samstag, 19. Juli, eine Informationsfahrt ins Dokumentations- und Kulturzentrum der Sinti und Roma in Heidelberg. Dabei ist auch eine Führung durch die stündige Ausstellung zum NS-Völkermord an den Sinti und Roma vorgesehen. Wer will, kann spüter einen Spaziergang durch Heidelberg unternehmen. Anmeldungen und Infos bei info@juedisches-leben-in-breisach.de oder Förderverein c/o Radbrunnenallee 15.