Badische Zeitung vom Samstag, 5. Januar 2008

"Breisach war ein mythischer Ort"
BZ-Interview mit Professor Daniel Hoffmann über sein Buch "Lebensspuren meines Vaters", das er im Blauen Haus vorstellte



BREISACH. Daniel Hoffmann, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft in Düsseldorf las im Blauen Haus aus seinem Buch „Lebensspuren meines Vaters“. Sein Vater, Paul Hoffmann war als junger Mann nach Auschwitz deportiert worden, hat dank vieler Zufälle überlebt und ist nach der Befreiung nach Deutschland zurückgekehrt. Die Wurzeln der Familie reichen auch nach Breisach. Paul Weinberg, Daniel Hoffmanns Urgroßvater, war 50 Jahre Kantor der Breisacher jüdischen Gemeinde. Mit Hoffmann unterhielt sich BZ-Mitarbeiterin Friedel Scheer.

BZ: Sind Sie zum ersten Mal in Breisach?

Hoffmann: Ja, ich kannte Breisach nur aus den wenigen Erzählungen meines Vaters, der selbst auch zum letzten Mal 1954 während seiner Hochzeitsreise hier war. Der Ort hatte ja ab 1923 mit dem Tod seiner Großmutter keine Bedeutung mehr für die Familie. Breisach war für mich daher ein mythischer Ort. Doch jetzt hat Breisach für mich eine neue Dimension bekommen. Diese biographischen Wurzeln waren mir vorher nicht bewusst. Als ich den Friedhof und das Grab meiner Urgroßeltern besucht habe, habe ich das gespürt.

BZ: Sie haben vor kurzem das Buch über die Geschichte Ihres Vaters fertiggestellt. Wie ist es zu dem Buch gekommen?

Hoffmann: Mein Vater hat selbst versucht, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Doch es blieb bei gelegentlichen Notierungen. Ein halbes Jahr nachdem er einen schweren Demenzschub bekam, habe ich angefangen zu schreiben und habe somit seine Arbeit, die für ihn aus vielerlei Gründen zu schwer war, beendet. Damals konnte ich ihm noch Fragen stellen, durch die ich wichtige Informationen bekam. So konnte er auf Bildern die Personen benennen und einiges aus der Familiengeschichte erläutern. Interessant war auch der Vergleich zwischen zwei Quellen zum selben Thema. Mein Vater war in Auschwitz vier Wochen im Krankenbau. Dazu hatte er in den 60er Jahren in einem Prozess ausgesagt. Das Protokoll hierzu stimmte nicht überein mit späteren Aufzeichnungen dazu. Da konnte er ebenfalls Klarheit verschaffen.

BZ: Hat Ihr Vater in Ihrer Kindheit über seine schrecklichen Erlebnisse gesprochen?

Hoffmann: Wir wurden ohne Umstände aufgenommen in den kleinen Kreis derer, vor dem er erzählte. Zunächst war nur seine Ehefrau da, dann wurden seine Kinder einbezogen. Und wir waren nichts anderes als stille Zuhörer, denn Fragen durften wir keine stellen.

BZ: Da war es für Sie doch sicher schwer ein unbeschwertes Verhältnis zu Ihrer Umgebung aufzubauen?

Hoffmann: Außerhalb dieser Erzählwelt wurde darüber nicht gesprochen, auch nicht in der jüdischen Gemeinde. Bis zum 6. Lebensjahr besuchte ich den jüdischen Kindergarten. Erst mit der Einschulung hatte ich mehr Kontakt mit nichtjüdischen Kindern. Die Erzählungen meines Vaters hat mein Verhältnis zu ihnen aber nie bestimmt.

BZ: Und wie kam Ihr Vater nach seiner Rückkehr mit seiner Umgebung zurecht?

Hoffmann: Vater war ab 1962 in der jüdischen Gemeinde tätig als Verwaltungsdirektor. Dadurch, dass es zu der Zeit keinen Rabbiner gab, war er Ansprechpartner für viele Menschen, für deren Nöte er ein offenes Ohr hatte. Er war Delegierter bei Wohlfahrtsverbänden und hat viele Menschen kennengelernt, mit denen er problemlos umgehen konnte. Das einzige, was vielleicht auffällt, ist, dass er nach dem Krieg nie mehr so intensive Freundschaften gehabt hat wie vor dem Krieg. Tiefe Freundschaften hat er nie wieder haben können.

BZ: Für das Überleben Ihres Vaters in Auschwitz waren unter anderem die Pakete von Johanne Peppmöller, einer nichtjüdischen Frau aus Bielefeld, wichtig. Haben Sie diese Frau gekannt?

Hoffmann: Ja, selbstverständlich. Fräulein Peppmöller, wie sie von Fremden bis zu ihrem Tod 1976 genannt wurde, war wie eine Oma für mich. Ich habe meine Großeltern ja nie kennengelernt.

BZ: Daten und Unterlagen auch zu Ihrer Familie und damit zu Ihrer wirklichen Großmutter, Selma Hoffmann, werden im Blauen Haus gesammelt. Was halten Sie von der Arbeit, die dort geleistet wird?

Hoffmann: Das ist eine sehr gute und verdienstvolle Arbeit und sie ist zutiefst menschlich. Sie trifft genau den Punkt, der damals versäumt wurde: Das Moment der Menschlichkeit wird hier aufgegriffen und ist präsent. Ich habe viel von Frau Walesch-Schneller über meine Familie gelernt. Vater hatte ja kaum Unterlagen. Da hat sie mir gute Einblicke geben können.

Literatur: Daniel Hoffmann, Lebensspuren meines Vaters. Eine Rekonstruktion aus dem Holocaust. Wallstein Verlag, Göttingen 2007. ISBN 978-3-8353-0149-8.

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