Badische Zeitung vom Mittwoch, 4. Juni 2014

Erinnern, aufklären und versöhnen: Avi Primor stellte im Blauen Haus sein neues Buch vor
"Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben" – den Anfang dieses früher häufig verwendeten Zitats des römischen Klassikers Horaz hat Avi Primor als Titel für seinen ersten Roman gewählt.




Der israelische Diplomat Avi Primor (Mitte) trug sich im Breisacher Rathaus ins Goldene Buch der Stadt ein.
(Foto: Kai Kricheldorff)

 

"Süß und ehrenvoll" heißt er, und in ihm erzählt der Autor, der in den 1990er Jahren israelischer Botschafter in Deutschland war, die Geschichte zweier jüdischer Soldaten. Im Ersten Weltkrieg kämpften sie in den Armeen Deutschlands und Frankreichs. Das Buch stellte Primor jetzt am Montag in einer Matinee-Veranstaltung vor 30 interessierten Zuhörern im Blauen Haus in Breisach vor.

Primor tat das nicht im Rahmen einer Lesung, vielmehr erzählte der 79-jährige Autor anekdotenreich, wie es zu diesem Buch kam und warum ein Roman daraus wurde. übrigens der Erste des bislang als Sachbuchautor in Erscheinung getretenen Diplomaten und Hochschullehrers aus Tel Aviv.

Primor hatte festgestellt, dass in den Armeen aller Teilnehmerstaaten des Ersten Weltkriegs Juden kämpften, was die spätere Geschichtsforschung weitgehend übersah. "Es war eine präzedenzlose Erfahrung, dass Juden sich als Soldaten gegenüberstanden, weil sie fanatisch für die Länder kämpften, in denen sie lebten", erklärte der Autor. Seine Begründung: Die Juden, die im 19. Jahrhundert eine weitgehend rechtliche Gleichstellung in Europa erstritten hatten, erhofften sich durch die patriotische Kriegsteilnahme eine höhere gesellschaftliche Anerkennung.

In Archiven verschiedener Länder recherchierte Primor Soldatenbriefe und stellte dabei fest, wie er im Blauen Haus verriet, dass, gleichgültig unter welcher Flagge die Soldaten kämpften, der Inhalt der Briefe viele Parallelen aufwies.

Sein Roman erzählt die Geschichte zweier jüdischer Soldaten aus Bordeaux und Frankfurt als spannungsreiche, ergreifende Handlung während des Weltkriegsgeschehens vor fast 100 Jahren. Im Blauen Haus signierte der Autor abschließend Buchexemplare für die Besucher der Veranstaltung.

Zu Beginn seines zweitägigen Besuchs in Breisach und Freiburg hatte sich Avi Primor ins Goldene Buch der Stadt Breisach eingetragen. Dabei erinnerte er daran, dass in den 1950er Jahren die Versöhnungsbemühungen zwischen Juden und Deutschen dadurch behindert wurden, dass die Deutschen den Holocaust zu verdrängen schienen. Erst mit der 1968er Bewegung habe sich das verändert, so Primor, weil damals junge Menschen ihre Eltern und Lehrer danach fragten, was sie in der Nazizeit getan hatten. "Erinnern ist die Grundlage für menschliches Verständnis und für zwischenmenschliche Beziehungen. Dafür scheint mir Breisach ein Vorbild zu sein", sagte der israelische Diplomat und Autor.

"Wir sind stolz und dankbar, dass sie unsere Stadt besuchen." Mit diesen Worten hatte Bürgermeister Oliver Rein zuvor den Gast begrüßt und einen kurzen Abriss über die Breisacher Stadtgeschichte gegeben. Er wies dabei auf das Schicksal der Breisacher Juden hin und hob die Städtepartnerschaft mit der polnischen Stadt Oswiecim sowie den regen Schüler- und Jugendsportleraustausch zwischen beiden Städten hervor. Breisach sei eine Stadt der Täter und Opfer des Naziregimes, sagte Rein. Wilfried Telkämper, Beiratsvorsitzender des Vereins "Für die Zukunft lernen" und Direktor der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Primor eingeladen hatte, dankte Rein für die Unterstützung der Arbeit des Vereins, des Blauen Hauses und des Freundeskreises Oswiecim.

Avi Primor: "Süß und ehrenvoll", Roman, Quadriga-Verlag Berlin, 382 Seiten, 19,90 Euro

 

Zur Person:

Professor Avi Primor war von 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in Deutschland. Während der 1980er Jahre hatte der in Tel Aviv geborene Publizist und Diplomat sein Land als Botschafter bei der EU in Brüssel repräsentiert. Primor ist Sohn eines niederländischen Emigranten. Seine Mutter ging 1932 von Frankfurt nach Tel Aviv, ihre Familie wurde während des Holocausts ermordet. Anfang der 1990er Jahre gründete Primor, damals Vizepräsident der Hebräischen Universität Jerusalem, das Institut für Europäische Studien, an dem er heute einen trilateralen Studiengang für israelische, palästinensische und jordanische Studenten leitet. Für seine Verdienste um die Förderung des deutsch-israelischen Dialogs erhielt Primor zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz und die Moses-Mendelssohn-Medaille. Er ist Autor zahlreicher Sachbücher. Avi Primor gehört dem Beirat des in Breisach beheimateten Vereins "Für die Zukunft lernen – Verein zur Erhaltung der Kinderbaracke Auschwitz-Birkenau" an.