Badische Zeitung vom Donnerstag, 4. Juni 2009

Von den Eltern blieben nur 97 Briefe
Geschichte einer jüdischen Familie




(Foto: Benjamin Bohn)
Der Familiengeschichte von Richard Levi hat sich Heidi Beck-Brach verschrieben. Die Schelingerin wertet derzeit 97 Briefe aus, die der jüdische Junge von seinen Eltern und Verwandten erhalten hat – unter aus dem südfranzösischen Internierungslager in Gurs.

VOGTSBURG-OBERROTWEIL. Der Familiengeschichte von Richard Levi hat sich Heidi Beck-Brach verschrieben. Die Schelingerin wertet derzeit 97 Briefe aus, die der jüdische Junge von seinen Eltern und Verwandten erhalten hat. Unter anderem schickten sie ihm die Briefe aus dem südfranzösischen Internierungslager in Gurs. Der Oberrotweiler Heimat- und Geschichtsverein lud jüngst zu einem Abend ein, bei dem die Volkskundlerin den aktuellen Stand ihrer Forschungen präsentierte. Der Kontakt zu Richard Levi, der ursprünglich aus Friesenheim bei Lahr stammt und nun in England lebt, entstand durch Rosita Dienst-Demuth. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Freiburger Lessing-Realschule stieß die Geschichtslehrerin im Rahmen eines Projektes auf ihn. Auch ein Besuch in England kam zu Stande. Dabei vertraute Levi ihr die Briefe an, durch die er mit seinen Eltern und Verwandten Kontakt hielt.

Seine Eltern sah der damals 11-jährige Junge zum letzten Mal am Bahnhof in Offenburg. Zusammen mit rund 10 000 weiteren Kindern wurde er mit einem Kindertransport im März 1939 nach England gebracht und so vor den Nazis gerettet.

Anhand dieser Briefe will Heidi Beck-Brach das Leben der Familie Levi nun rekonstruieren. "Das Lesen fremder Briefe ist immer mit etwas Voyeuristischem verbunden, schließlich dringt man dabei in ein fremdes Leben ein", schickte sie voraus, bevor sie berichtete, was sie heraus gefunden hatte.

1939 habe die Familie ihr Geschäft in Friesenheim aufgeben müssen. Kurz zuvor sei Richards Vater, Alfred, im Zuge der Reichspogromnacht nach Dachau deportiert worden. Relativ schnell sei er jedoch wieder frei gekommen – er war für Deutschland im 1. Weltkrieg und genoss daher zunächst wenige Privilegien. Doch er und seine Frau seien sich schnell einig gewesen, dass sie ihren Sohn mit einem Kindertransport nach England schicken und so vor den Nazis retten wollten, berichtete Beck-Brach.Eineinhalb Jahre später, genau am 22. Oktober 1940, seien die Eltern zusammen mit allen badischen und pfälzischen Juden in das Internierungslager nach Gurs deportiert worden – später weiter nach Rivesaltes.

Die Auswertung der Briefe soll als Buch veröffentlicht werden Dabei hätten sie jedoch die Hoffnung, ebenfalls noch ausreisen zu können, nie aufgegeben. Doch trotz der Hilfe einer amerikanischen Tante sei die Ausreise nicht zu Stande gekommen. In einem letzten Brief an ihren Sohn schreibt die Mutter, es werde wohl nach Polen oder Russland weitergehen. Schließlich wird sie mit ihrem Mann nach Auschwitz deportiert.Die vorgetragenen Eckdaten der Familiengeschichte von Richard Levi sorgten bei den Zuhörern für großes Interesse, gleichzeitig aber auch für tiefe Betroffenheit.

Die Auswertungen von Beck-Brach sollen nun als Buch veröffentlicht werden. Dies soll sowohl Teile auf Deutsch als auch auf Englisch enthalten. So könnte auch Levis heutige Familie seine Geschichte erfahren und für interessierte Briten dürfte eine solch seltene Briefsammlung ebenfalls aufschlussreiche Erkenntnisse über den englischen Kindertransport liefern, ist sich Rosita Dienst-Demuth sicher. Das Projekt werde bereits von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert. "Es werden aber noch weitere Sponsoren gesucht", betonte sie.

Kontakt: Rosita Dienst-Demuth, Telefon 07662/94150, E-Mail rosita.dd@gmx.de

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