Badische Zeitung vom Samstag, 3. November 2007

"Ich denke jeden Tag an das KZ"
Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer stellte sich Fragen von Breisacher Schülern / Totengebet an der Gedenkstätte



Von unserer Mitarbeiterin Johanna Grab

 

BREISACH. Max Mannheimer, bekannter jüdischer Überlebender des Holocausts, war jüngst zu Besuch in der Münsterstadt. Im Martin-Schongauer-Gymnasium berichtete er im Zeitzeugengespräch über sein Leben und stellte sich den Fragen der Schüler des Gymnasiums und der Hugo-Höfler-Realschule. Anschließend besuchte er mit einigen Realschülern die Gedenkstätte für die deportierten Juden von Breisach.

"Ich will kein Mitleid wecken, sondern euch die Gefahren der Diktatur deutlich machen" , betonte Mannheimer, der im Jahre 1920 in Neutitschein in Nordmähren, im heutigen Tschechien, geboren wurde. Der heute 87-Jährige erzählte in Breisach über sein Leben vor und im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, und auch von der Situation der Juden während der NS-Diktatur in Deutschland: "Juden durften nach 20 Uhr ihr Haus nicht verlassen und es war ihnen nicht erlaubt, etwas zu besitzen. Sie brauchten eine Genehmigung um die Stadt zu verlassen und ihnen wurde der Buchstabe "J" für Jude in die Ausweise gestempelt." Und die Juden mussten einen Davidstern an ihrer Kleidung befestigen.

Mannheimer verlor in der Nazizeit fast die ganze Familie: seine erste Frau, seine Eltern, seine Brüder Erich und Jakob und seine Schwester Käthe. Nur sein Bruder Edgar überlebte den Holocaust.

Der Gast las im Martin-Schongauer-Gymnasium auch einige Passagen aus seinem Werk "Spätes Tagebuch" vor. Danach durften die Schüler Fragen stellen. Zunächst herrschte Schweigen. Es brauchte zuerst eine Ermutigung durch Max Mannheimer. Dann wollte eine Schülerin wissen, ob Mannheimer noch oft an die damalige Zeit denke. "Ich denke jeden Tag daran. Vor allem natürlich, wenn ich darüber spreche" , antwortete der Gast. Jahrzehnte nach Kriegsende habe er auf einer Mauer ein Hakenkreuz entdeckt. Daraufhin sei er zusammengebrochen. "Ich kam nicht von der Vorstellung los, dass aus Duschen statt Wasser Gas kommt" , erzählt der 87-Jährige. Um diese Halluzinationen los zu werden, habe er einige Zeit in einer psychiatrischen Klinik in Amerika verbracht. Auch das Malen habe ihm geholfen, Erlebtes zu verarbeiten.

Auf die Frage eines Schülers, ob er während der schrecklichen Zeit im KZ trotzdem an Gott geglaubt habe, antwortete Mannheimer: "Ich betete, obwohl ich meinen Glauben verloren hatte. Ich dachte mir, sicher ist sicher." Eine Schülerin wollte außerdem wissen, wie Mannheimer das Kriegsende erlebt hat. "Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es ist, nach so vielen Wochen Krieg wieder in einem sauberen Bett zu liegen. Ich wollte danach nie wieder deutschen Boden betreten und nie wieder in einem Land leben, indem Menschen aufgrund ihrer Religion in Gaskammern gesteckt werden" , erzählte der Zeitzeuge. Kurz nach Kriegsende verliebte er sich jedoch in eine Deutsche und kehrte 1946 nach Deutschland zurück. Seine zweite Frau starb mit 47 Jahren an Krebs. Heute lebt Mannheimer mit seiner dritten Frau, einer Amerikanerin, in Haar bei München.

Nach dem Gespräch im Breisacher Gymnasium besuchte der Gast, zusammen mit Christiane Walesch-Schneller, der Vorsitzenden des Fördervereins ehemaliges jüdisches Gemeindehaus, einigen Schülern der Hugo-Höfler-Realschule und ihrem Lehrer Rainer Zimmermann die Gedenkstätte für die deportierten Juden von Breisach. Auch einige Realschüler, die jüngst zum Austausch in Oswiecim gewesen waren, waren darunter. Das Breisacher Mahnmal ist mit verschiedenen Symbolen versehen. Zum Beispiel steht darauf die Zahl 34, sie soll die Zahl der deportierten Breisacher Juden angeben. Heute wisse man aber, dass viel mehr Juden aus Breisach deportiert wurden, informierte Walesch-Schneller. Mittlerweile kenne man bereits 57 Namen. Es sei jedoch wahrscheinlich, dass es noch weitere gibt. Auf dem Gedenkstein sind unter anderem auch Blutstropfen, ein Davidstern und der Buchstabe "J" zu erkennen. Max Mannheimer sprach am Mahnmal zum Abschluss seines Besuchs in Breisach das jüdische Totengebet "Kaddisch" . Danach verabschiedete er sich von den Schülern, die laut Zimmermann froh waren, die Gedenkstätte zusammen mit Mannheimer besucht zu haben.

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