Badische Zeitung vom Samstag, 3. September 2005

Thierse zu Gast in Breisach
Der Bundestagspräsident berichtet im Blauen Haus über das Berliner Holocaust-Denkmal



 

Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer-Nahor

BREISACH. Hohen Besuch konnte am Donnerstag Christiane Walesch-Schneller, die Vorsitzende des Fördervereins Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus, im Blauen Haus in Breisach begrüßen. Auf Initiative des SPD-Bundestagsabgeordneten Gernot Erler war Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in der Münsterstadt zu Gast. Wolfgang Thierse im Blauen Haus

Zuvor wurde Thierse von Bürgermeister Alfred Vonarb im Breisacher Rathaus empfangen, wo er sich ins Goldene Buch der Stadt eintrug. Anschließend besichtigte der Politiker im Blauen Haus den „Gang der Erinnerung“ und die Ausstellung mit Fotos von Gerald Schwab. Im Podiumsgespräch mit der Vorsitzenden und zahlreichen Mitgliedern des Fördervereins bezog er Stellung zur Berliner Gedenkstätte für die Shoah.

Zunächst nahm Thierse auf die vordergründig irritierende Forderung des Architekten Peter Eisenman Bezug, das Denkmal möge ein Ort sein, zu dem man gerne gehe. Inzwischen könne man beobachten, was Eisenman damit gemeint habe. „Die Menschen, die das Stelenfeld besuchen, benehmen sich so verschieden, wie die Menschen verschieden sind. Sie sitzen auf den Stelen, sie laufen hindurch, manche trinken oder essen etwas. Junge Leute benehmen sich noch ungenierter, sie springen beispielsweise von einer Stele zur anderen.“

Als Vorsitzender des Kuratoriums sei er schon mehrfach gebeten worden, etwas gegen respektlosen Umgang mit dem Ort des Gedenkens zu unternehmen. Er plädiere jedoch dafür, nicht rigoros einzugreifen, weil er großes Vertrauen in den zweiten Teil der Gedenkstätte, den „Ort der Information“, habe. In diesen vier Räumen unterhalb der Gedenkstätte bekomme der Besucher auf sinnlich-emotionale Weise eine Vorstellung von Bedrängnis und Verlorensein, die das psychische und physische Erleben im Stelenfeld stark beeinflusse und verändere. Dies hätten viele der inzwischen über 165000 Besuchern bestätigt.

Daneben hob Thierse den offenen Charakter des Denkmals hervor - kein Zaun verhindere den Zugang zum Stelenfeld. „Es ist offen auch in einem anderen Sinn, nämlich für einen unterschiedlichen Gebrauch.“ Kritik gegenüber dem dem Mahnmal betrachtete Thierse gelassen. „Ein Kunstwerk lässt frei. Es erlaubt auch Ablehnung.“ Im Übrigen habe so mancher sein Urteil über die Gedenkstätte revidiert, nachdem er sie einmal besucht habe.

Christiane Walesch-Schneller plädierte ebenfalls für den freiwilligen Umgang mit der Gedenkstätte. Schulklassen solle ein Besuch keinesfalls verordnet werden. Gernot Erler berichtete außerdem, dass der offene Zugang zum Stelenfeld einen weiteren erstaunlichen Effekt habe: Entgegen ursprünglicher Befürchtungen, das Mahnmal könne nachts beschädigt werden, wirke diese Offenheit anscheinend umgekehrt. Bis jetzt seien jedenfalls keine nennenswerten Sachbeschädigungen oder Schmierereien vorgekommen.

Der enge Terminplan des Politikers forderte schon bald seinen Aufbruch. Walesch-Schneller bedankte sich bei Thierse mit dem Buch „Zone 30 - Rückkehr aus dem Exil“.

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