Badische Zeitung vom Mittwoch, 3. September 2003
Schweißtreibende Geschichtsarbeit Zweites Sommercamp der "Aktion Sühnezeichen" in Breisach
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BREISACH/MACKENHEIM
(ue). Im "Blauen Haus" in Breisach herrscht derzeit ein buntes Sprachengewirr:
Englisch, Russisch, Polnisch und Deutsch wird bei den zwölf Teilnehmern des
diesjährigen internationalen Sommerlagers der "Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste"
durcheinander gesprochen. Zwei Wochen greifen die Freiwilligen dem Förderverein
Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus unter die Arme und verrichten teilweise
recht schweißtreibende Arbeiten im mittelalterlichen Gewölbekeller und im
Garten des "Blauen Hauses".
Die
Verständigung klappt reibungslos, schließlich haben die Jugendlichen und
jungen Erwachsenen, die beispielsweise aus Dresden und Berlin, aber auch
aus Moskau, aus Kiew in der Ukraine, aus Minsk und Mogilew in Weißrussland
oder dem polnischen Krakau angereist sind, eine gemeinsame Motivation: sich
mit Menschen anderer Nationalität der Geschichte des Nationalsozialismus
zu stellen und von dieser Erfahrung zu profitieren.
"Dieses Engagement ist für uns sehr wichtig", sagt Christiane Walesch-Schneller,
Vorsitzende des Fördervereins Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus. Sie lobt
nicht nur den körperlichen Einsatz der jungen Menschen, sondern vor allem
die ideelle Bedeutung des zweiwöchigen Aufenthaltes der "Friedensdienstler".
Es sei ein Zeichen, wenn junge Menschen bis zu 80 Stunden Anreise im Bus
auf sich nehmen würden. Die Teilnehmerin mit der weitesten Anreise kommt
aus Sibirien.
"Aktion Sühnezeichen" ist eine von den Kirchen unterstützte Organisation,
die auch andere Camps beispielsweise in Gedenkstätten wie Buchenwald, Sachsenhausen
oder Lidice (Tschechien) veranstaltet. In Breisach fand im vergangenen Jahr
das erste Sommerlager in Baden-Württemberg statt. Offensichtlich sollte an
den Erfolg des in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Ehemaliges Jüdisches
Gemeindehaus organisierten Camps angeknüpft werden. Der 35-jährige Gleb Krasnovski
aus Moskau, ist schon zum zweiten Mal dabei: "Ich wollte sehen, wie es hier
weitergeht", sagt der Englischlehrer.
Beim Absenken des Kellerbodens im mehr als 300 Jahre alten ehemaligen jüdischen
Gemeindehaus gab es in der vergangenen Woche eine besondere Überraschung.
So wurde etwa 15 Zentimeter unter der Oberfläche eine mittelalterliche Pflasterung
mit Rheinwacken gefunden, die wohl aus mittelalterlicher oder frühneuzeitlicher
Zeit stammt. Stadtarchivar Uwe Fahrer hat sich den Fund bereits angesehen,
das Landesdenkmalamt wird sich morgen der Sache annehmen. Die Freiwilligen
packen nicht nur in Breisach mit an, sie helfen auch mit, den jahrhundertealten
Begräbnisplatz der Breisacher Juden im elsässischen Mackenheim zu pflegen.
Dort drohte das Einsegnungshäuschen auseinander zu brechen. In Kooperation
mit Freunden des Breisacher Fördervereins und der Gemeinde Mackenheim wurden
dem Gebäude bereits Fundamente und ein neuer Dachstuhl gegeben. Die Gruppe
des Camps legte nun zwei Tage lang Hand an - beim Dachdecken und beim Säubern
des wertvollsten und ältesten Teils des Friedhofs von Unkraut.
Die interkulturelle Begegnung in der französischen Nachbarschaft wird am
Sonntag, 7. September, mit der Gründung eines deutsch-französischen Vereins
gekrönt. Anlässlich des vierten Europäischen Tags der jüdischen Kultur wird
der Verein "Les Amis du Judengarten de Mackenheim" aus der Taufe gehoben,
der das gemeinsame Kulturerbe ins Bewusstsein bringen will. Der Historiker
Günter Boll war maßgeblich an der Verwirklichung dieses deutsch-französischen
Brückenschlags beteiligt und wurde darin von Jean Claude Spielmann, Bürgermeister
von Mackenheim, bestärkt.
Aus Anlass des Europäischen Tags der jüdischen Kultur wird im "Blauen Haus"
in Breisach die 2002 begonnene Reihe von Ausstellungen jüdischer Künstler
mit der Gedächtnisausstellung Jochanan Ben-Jaacov unter dem Titel "Im Grunde
lebt man aus Dankbarkeit" fortgesetzt. Die Ausstellung im restaurierten Obergeschoss
wird um 14 Uhr eröffnet. Zur Einführung spricht Rita Binder aus Bischoffingen.
Die Söhne des Künstlers werden anwesend sein. Die katholische Akademie eröffnet
um 19 Uhr in ihren Räumen an der Wintererstraße 1 in Freiburg eine Gedächtnisausstellung
mit Skulpturen des Künstlers. Am Sonntag ist das "Blaue Haus" von 11 bis
18 Uhr durchgehend geöffnet.
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