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IHRINGEN/BREISACH/VOGTSBURG. Einen zweisprachigen Gottesdienst mit 200 Gästen aus den USA feierte die evangelische Kirchengemeinde Ihringen am Sonntag. 2 Chöre und Mitglieder des Studentenorchesters der Universität St. Cloud aus dem US-Bundesstaat Minnesota besuchten den Kaiserstuhl. Die Gäste hatten am Donnerstag im ehemaligen Konzentrationslager Struthof im Elsass das Holocaust-Oratorium des amerikanischen Komponisten Stephen Paulus aufgeführt, ein Werk, das den Kindern gewidmet ist, die in den Konzentrationslagern und Ghettos der Nazis ermordet wurden.
Eingangs des Gottesdienstes hatte der Ihringer Winzer Gebhard F. Göpfert auf seiner Mundharmonika den Song "Wind of Change" gespielt. Mit dem legendären Hit der Rockband "Scorpions" , der um 1990 den Zusammenbruch der kommunistischen Regierungssysteme in Osteuropa und die deutsche Wiedervereinigung begleitete, wurde ein musikalisches Zeichen gesetzt. Die beiden amerikanischen Chöre umrahmten mit ihren Liedern die Predigt von Pfarrer Peter Boos, die er teilweise zweisprachig, in Deutsch und Englisch, hielt. Eine Woche lang gastierten die amerikanischen Gäste mit Konzerten beiderseits des Oberrheins. Auch in der Freiburger Universitätskirche und in Colmar gaben sie Konzerte. Den Abschluss des Gottesdienstes in Ihringen bildete die gemeinsame Segnung der Gläubigen durch Pfarrer Peter Boos und den Rabbiner Joseph Edelheit von der Universität St. Cloud. Anschließend luden Ortsverwaltung und Kirchengemeinde zu einem Empfang im Hof des alten Winzerhauses vis-à-vis der Kirche ein. Hier begrüßte Bürgermeister Martin Obert die Gäste aus den USA. Hausherr Gebhard F. Göpfert, er ist Gründer und Leiter der Ihringer Harmonikagruppe, hieß die jungen Sänger und Musiker willkommen. Er und seine Familie bewirteten sie mit Hefezopf, Ihringer Wein und anderen Getränken. Vor dem Besuch des jüdischen Friedhofs gab Rabbiner Joseph Edelheit einen kurzen Abriss der Geschichte der Ihringer Juden. Der Professor für Religionswissenschaften an der Universität St. Cloud erläuterte die Absicht des Aufenthalts in der Kaiserstuhlgemeinde. Hier wolle man den jungen Amerikanern jüdische Geschichte in einer deutschen Landgemeinde zeigen, an das Schicksal der Millionen von Opfern des Holocaust erinnern und zugleich die Verknüpfung deutlich machen, die jüdische, elsässische und badische Vergangenheit miteinander verbindet und wie die Menschen heute mit ihr umgehen. Anschließend begab sich die Gruppe zu Fuß zum jüdischen Friedhof. Die amerikanischen Studentinnen und Studenten versammelten sich auf der kleinen Anhöhe neben dem Friedhof und sangen einen hebräischen Choral. Rabbi Edelheit, zwischen alten Grabsteinen stehend, sprach das Kaddisch, das jüdische Totengebet. Mit dabei war auch der Straßburger Martin Weil in Begleitung seiner Mutter. Weils Urgroßvater, Jacob Guggenheimer, starb als Ihringer Winzer nach dem Ersten Weltkrieg an der damals vielerorts grassierenden Spanischen Grippe. Er ist ebenso auf dem Jüdischen Friedhof beerdigt wie die Ur-Ur-Urgroßmutter von Martin Weil, die 1902 im biblischen Alter von 102 Jahren in Ihringen verstarb. Nach jüdischem Ritual darf das Kaddisch nur im Beisein eines Rabbiners gesprochen werden. Bei ihren früheren Besuchen auf dem jüdischen Friedhof von Ihringen waren Martin Weil und seine Mutter niemals in Begleitung eines jüdischen Geistlichen, so dass es jetzt das erste Mal war, dass sie für ihre Vorfahren das traditionelle Totengebet sprechen konnten. Am Sonntagnachmittag stand für die Gäste aus Minnesota noch ein Singen auf dem Breisacher Synagogenplatz sowie am Abend ein Konzert in der Kirche St. Johann in Oberrotweil auf dem Programm. Bernard Reuter, ein Deutsch-Elsässer, der seit 15 Jahren im amerikanischen St. Cloud lebt und seit 2 Jahren an der dortigen Staatsuniversität als Germanistik-Professor lehrt, gehört zu den Initiatoren der Fahrt und hat sie maßgeblich mit organisiert. Für ihn war vor allem der Dialog wichtig, in den die Studenten während ihres Aufenthalts mit der Bevölkerung in Deutschland und Frankreich treten konnten. "Neben der Beachtung ihrer musikalischen Präsentationen durch das Publikum haben sie von den Wirkungen christlich-jüdischen Zusammenlebens heute einen nachhaltigen Eindruck gewinnen können" , zog Reuter ein positives Resümee der Reise. Die Organisation vor Ort lag in den Händen des Reisebüros "Reisen hoch drei" aus Bahlingen. Deren Geschäftsführerin Birgit Kaiser zeigte sich vor allem darüber erfreut, dass die Gäste aus den USA am Kaiserstuhl und im Elsass mit offenen Armen und Herzen empfangen wurden. |
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