Badische Zeitung vom Freitag, 3. März 2006

Stationen eines schwierigen Lebensschicksals
Der Emmendinger Psychiater Gabriel Richter befasste sich im Werkstattgespräch im Blauen Haus mit dem Dichter Alfred Döblin



 

Alfred Döblin
FOTO: DPA
BREISACH (fsn). Untrennbar verbunden mit dem Namen Alfred Döblin ist der Titel seines bekanntesten Werkes “Berlin Alexanderplatz” . Wer weiß jedoch schon, dass er 1957 in Emmendingen gestorben und in Housseras in Lothringen begraben ist? Und wem ist bekannt, dass er gebürtiger Jude war? Dies alles und noch viel mehr wurde beim jüngsten “Werkstatt-gespräch” im Blauen Haus thematisiert, wo der Emmendinger Psychiater Gabriel Richter einen spannenden Vortrag zum Thema “Alfred Döblin, Arzt und Schriftsteller, und das Psychiatrische Landeskrankenhaus Emmendingen” hielt.

Im Rahmen dieses Vortrags ging er auch auf das Schicksal des Sohnes Wolfgang ein. Dessen Genialität als Mathematiker wurde nämlich erst in den letzten Jahren entdeckt, als Briefe von ihm geöffnet wurden, in denen er mathematische Fragestellungen gelöst hatte, lange bevor dies nach der offiziellen Fachgeschichte geschehen war. Wolfgang Döblin konnte selbst nicht für sich eintreten, weil er sich 1940 das Leben nahm, kurz bevor sich seine Einheit, in der er als französischer Soldat diente, in Lothringen der deutschen Wehrmacht ergeben musste. Als ehemaliger deutscher Staatsangehöriger, der dazu noch Jude war, hätte ihn im Gegensatz zu seinen französischen Kameraden der Tod oder die Einlieferung ins Konzentrationslager erwartet. Diesem Schicksal kam er durch seinen Freitod zuvor.

Aber auch das Leben des Vaters, Alfred Döblin, war dem Vortrag zufolge nicht nur durch glückliche Umstände gezeichnet. 1878 in Stettin geboren, zog er 1888 mit der Familie nach Berlin. Er studierte Medizin und verbrachte die letzten zwei Semester in Freiburg, wo er auch promovierte. Schon zu dieser Zeit betätigte er sich literarisch. Sein erstes Werk “Die Ermordung einer Butterblume” spiele im Wald bei St. Ottilien, so Gabriel Richter, wenngleich Döblin der Stadt Freiburg nicht viel abgewinnen konnte. “Die Stadt handelt en gros mit Ruhe” , war sein Eindruck und offenbar nicht seine Sache.

Mit “Berlin Alexanderplatz” gelang ihm 1929 der literarische Durchbruch. Gleichzeitig ermöglichte ihm dieser Erfolg auch einen gewissen Wohlstand. Diese glückliche Zeit währte aber nur kurz. 1933 musste er mit seiner Familie emigrieren, weil er sich als Jude, dessen Bücher verbrannt wurden, in höchster Gefahr befand. Zunächst reiste er nach Zürich aus, später nach Paris, wo er 1936 die französische Staatsbürgerschaft annahm. Er sei “fremdsprachenblind” gewesen, erzählte Richter in seinem Vortrag. Deshalb fiel es ihm wohl auch schwer, seinen Lebensunterhalt in der Emigration, zu der später auch die Zeit in den Vereinigten Staaten zählte, zu verdienen. Nach 1945 kehrte er in französischer Uniform als Zensor nach Deutschland zurück und begann auch wieder zu schreiben, zum Teil unter Pseudonym. In der Badischen Zeitung wurde 1946 ein Beitrag von ihm abgedruckt: “Die Fahrt ins Blaue” hieß der Artikel, in dem er sich in literarischer Form mit den Geschehnissen um die Tötung von Behinderten und psychisch Kranken im Dritten Reich beschäftigte.

Dass er selbst sein Leben in der Psychiatrie beenden würde, stand zu der Zeit noch in weiter Ferne. Vom Nachkriegsdeutschland enttäuscht, kehrte Döblin wieder nach Paris zurück. Verschiedene Krankheiten zwangen ihn aber immer wieder für längere Zeiten in Krankenhäuser im süddeutschen Raum. In der Zeit von April 1953 bis Juni 1957 verbrachte er mehr Zeit in Deutschland als in seinem Pariser Exil. Freiburg, Baden-Baden, Friedenweiler und Buchenbach gehörten zu den Stationen. Zuletzt kam er nach Emmendingen.

Wie das Psychiatrische Landeskrankenhaus zu der Zeit aussah, stellte Richter an Hand von Bildern eindrücklich dar. Drei Wochen verbrachte Döblin dort, bis er am 26. Juni 1957 starb. Seine Frau Erna veranlasste die Beerdigung in aller Stille in Housseras, dort wo auch der Sohn Wolfgang beerdigt ist.

Viele Fragen und Diskussionsbeiträge rundeten den Vortrag ab und machten einmal mehr deutlich, dass das Blaue Haus auf dem besten Weg ist, tatsächlich ein “Lernhaus” zu werden.

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