Badische Zeitung vom
Donnerstag, 29. Januar 2004
Im Zeichen des Friedens Samuel Harding arbeitet derzeit als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen im "Blauen Haus"
Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer
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Foto: Friedel Scheer
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BREISACH.Seit Ende September des vergangenen Jahres ist im "Blauen Haus" fast täglich ein Ansprechpartner zu erreichen, denn seit dieser Zeit arbeitet Samuel Harding, Freiwilliger bei der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, in Breisach.
Seine Aufgaben sind vielfältig. Vor allem beim Aufbau der Bibliothek, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll, aber auch bei der Sichtung und Archivierung der umfangreichen historischen Materialien, die sich in der Zwischenzeit beim Förderverein ehemaliges jüdisches Gemeindehaus angesammelt haben, sind die Dienste des 23-jährigen Engländers, der in Oxford Geschichte studiert hat, sehr willkommen. Nun lud der Förderverein zu einer Veranstaltung ein, in deren Rahmen Harding Gelegenheit bekam, sich und seine Arbeit vorzustellen.
Zuvor machte jedoch Gerhard Dümchen, Vorstandsmitglied des Fördervereins und Koordinator für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF), die zahlreichen Besucher mit der Organisation ASF und ihrer Geschichte bekannt. Dabei versuchte er schlaglichtartig die Situation nach 1945 zu beschreiben, wozu ihm vor allem eigene Wahrnehmungen dienten, die er als damals Zehnjähriger hatte. Von der "Larmoyanz der Besiegten" erzählte er und benannte damit seine Erinnerung an die Erwachsenen um ihn herum, die die Nachricht von der deutschen Kapitulation in den meisten Fällen weinend zur Kenntnis nahmen. Von der "Unmoralität der Würdelosen" berichtete er und gab damit seinen Eindruck wieder von der sprunghaft ansteigenden Kleinkriminalität nach dem Krieg, als jeder erst mal an sich selbst zu denken schien.
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Diese und weitere Eindrücke Dümchens sorgten in der Zuhörerschaft für eine leidenschaftliche Diskussion, denn der eine oder andere hatte die Zeit anders erlebt oder wertete sie anders. Aus Zeitgründen wurde die Diskussion jedoch abgebrochen. Ihre Fortsetzung wurde auf eine eigens dafür zu schaffende Veranstaltung verschoben.
Unbestritten war jedoch der von Dümchen beschriebene Mangel an Bereitschaft, sich mit den schrecklichen Verbrechen der Nazizeit auseinander zu setzen. Das war für Lothar Kreyssig, evangelischer Kirchenmann und Gründer der Aktion Sühnezeichen, untragbar. Er wollte ein Zeichen setzen, indem Freiwillige mit ihrer Arbeit stellvertretend für andere Verantwortung übernehmen sollten. Zunächst, nach der Gründung 1958, bat man die drei Länder Polen, Sowjetunion und Israel, denen durch Deutsche das meiste Leid angetan wurde, um die Erlaubnis, in den Ländern aufbauende Arbeit leisten zu dürfen.
Seit der deutschen Wiedervereinigung hat sich bei der ASF viel verändert, unter anderem werden nun auch ausländische Freiwillige für die Friedensarbeit akzeptiert. Solch ein Freiwilliger ist Samuel Harding, der bis zum August 2004 im "Blauen Haus" eingesetzt ist. Nach seinem Geschichtsstudium in England hat er in Reutlingen ein freiwilliges soziales Jahr in einem Heim für geistig behinderte Menschen geleistet. Danach bewarb er sich bei der ASF und wurde der einzigen Einsatzstelle in Baden-Württemberg, dem "Blauen Haus", zugeteilt.
Daneben hat er aber auch Gelegenheit, Praktika in anderen Gedenkstätten zu machen, wie kürzlich im Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin. Von diesem Einsatz, bei dem er unter anderem eine englische Schulklasse durch die Ausstellung führte, berichtete Harding. Dabei wurde deutlich, dass hier ein engagierter, an der Sache interessierter, junger Mensch am Werke ist - für den Förderverein sicher ein Glücksfall. Zum Schluss bezog er das Publikum auf ganz neuartige Weise ins Programm ein, indem er es in Kleingruppen einteilte, die aufgefordert wurden, verschiedene, von ihm gestellte Fragen zu diskutieren.
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