Badische Zeitung vom Mittwoch, 1. Oktober 2003

"Und immer wieder weint der Himmel"
Fred Kort, einer der neun Überlebenden des Vernichtungslagers Treblinka, ist gestorben

BREISACH. "Der Himmel weint. Ich war schon bei vielen Gedenkveranstaltungen und immer wieder weint der Himmel. Ich glaube, Gott weint . . . Sehen Sie mich genau an. Vor Ihnen steht einer, der die komplette Erfahrung gemacht hat." Das waren die Worte von Fred Kort am Abend des 10. November 1998. Er sprach als Überlebender des Holocaust zu der Versammlung auf dem Synagogenplatz, um der Zerstörung der Synagoge 60 Jahre zuvor zu gedenken und den von der Stadt Breisach mit einem Mahnmal gestalteten Platz einzuweihen. Jetzt ist Fred Kort gestorben.

32 Jahre lagen zwischen diesem Tag und dem Tag, als sein Leidensweg zum ersten Mal deutschen Lesern zugänglich wurde.

Im Buch von Paul Sauer "Die Schicksale der jüdischen Bürger Baden-Württembergs während der nationalsozialistischen Verfolgungszeit 1933-1945" (herausgegeben von der Archivdirektion Stuttgart) ist auf Seite 255 geschrieben, dass Familie Kort mit den Juden polnischer Abstammung am 27. Oktober 1938 aus Reichsdeutschland ausgewiesen wurde.

Diese Maßnahme führte in einer verzweifelten Reaktion zur Tötung des Legationsrats vom Rath durch Herschel Grynspan, dessen Eltern zu den Ausgewiesenen gehörten. Hitler und Goebbels antworteten mit dem Aufruf zur gezielten Zerstörung aller Synagogen, zum Angriff auf jüdisches Eigentum und zur Verhaftung von mehr als 25 000 jüdischen Männern am 9. und 10. November 1938.

62 Jahre lagen zwischen dem 10. November 1998 und dem Jahr 1936, als der dreizehnjährige Manfred Kort in der Breisacher Synagoge unter den Augen der sich schon in Auflösung befindlichen Gemeinde religionsmündig ("Bar Mizwa") wurde. Wegen des vorbereitenden Unterrichts hatten ihn Jonas Kort und seine Frau Manfred im Alter von zehn Jahren von Eichtersheim zu Kantor Michael Eisemann nach Breisach geschickt. Die Metzgerfamilie Levi nahm ihn als Pflegekind auf, und die Jungen seines Jahrgangs lernten ihn als Freund und Schulkameraden kennen.

Diese Vergrößerung der Gemeinde durch Zuzug war ein außergewöhnliches Ereignis, da die Bedrohung durch die sich verschärfenden antijüdischen Maßnahmen und Verordnungen der Naziregierung in den Familien ein Nachdenken über Fluchtmöglichkeiten, die "Auswanderung", auslöste.

Auf diese Zeit als Mitglied einer jüdischen Gemeinde hat Fred Kort sein Leben lang mit Dankbarkeit zurückgeschaut, diese Zeit relativer Geborgenheit und seine anschließende - trotz aller Einschränkungen erfolgreiche - Ausbildung zum Elektriker nannte er in einem Atemzug als Faktoren, die ihm halfen, "dem Feuer zu entkommen".

"Sehen Sie mich genau an. Vor Ihnen steht einer, der die komplette Erfahrung gemacht hat." Fred Kort

Zehn Tage nach seinem 20. Geburtstag erkannte Fred Kort am 18. Juli 1943 bei der Selektion zur Gaskammer in Treblinka, dass er kaum eine Chance hatte, dem Mordplan der Nazis zu entrinnen. 370 Tage lang wurde er im Vernichtungslager Treblinka Zeuge der Ermordung von hunderttausenden von jüdischen Menschen. Zuvor war er in Lagern, Gefängnissen und Gettos von SS und Gestapo inhaftiert: Zbaszyn (Bentschen), Posen, Lodz, Kalisz, Sieradz, Warschau, Falenty und Kawenczyn (Vistula). Am 23. Juli 1944 gelang Fred Kort die Flucht aus Treblinka. Er ist einer von nur neun Menschen, die dieses Lager überlebt haben. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee kämpfte er im polnischen Widerstand.

Jonas und Richard Kort, Vater und Bruder, sind im "Gedenkbuch" als Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Baden-Württemberg (Herausgeber Archivdirektion Stuttgart 1969) eingeschrieben. Seine Mutter und Schwester konnten sich retten. Fred Kort war von seinen Erfahrungen gezeichnet. Er hat seine Rettung als Vermächtnis verstanden, "gute Taten", segensreiche Taten zu vollbringen.

Kindern mochte er als der "bubble king", König der Seifenblasen, in Erinnerung bleiben. Ihm gelang es, in einigen Jahrzehnten ein erfolgreicher amerikanischer Geschäftsmann zu werden und an der Spitze der Imperial Toy Company die Produktion und weltweit den Handel mit Spielzeugen, die sich jede Familie leisten kann, zu fördern.

Er wird in Erinnerung bleiben als der, dem es ein Herzensanliegen blieb, Zeugnis abzulegen und für die zu sprechen, denen Namen und Gesichter, Eigentum und ihr Leben weggenommen worden waren. So auch beim Gedenken anlässlich des 60. Jahrestages der Deportation der badischen Juden auf dem Jüdischen Friedhof in Freiburg am 23. Oktober 2000.

Das Holocaust Museum in Washington ist eine von vielen Institutionen, die Fred und Barbara Kort mitgegründet und gefördert haben. "Weißt du, warum ich euch helfe?", fragte er Ende 2001, als es Pläne gab, das ehemalige jüdische Gemeindehaus in Breisach zu renovieren: "Because you are moving forward - weil ihr vorwärts geht." Fred Kort starb - wie jetzt bekannt wurde - unerwartet am 6. September 2003. Seine Geschichte wird im "Blauen Haus" in Breisach zu finden sein.

Christiane Walesch-Schneller

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