BREISACH. "Der Himmel weint. Ich war schon bei vielen
Gedenkveranstaltungen und immer wieder weint der Himmel. Ich glaube,
Gott weint . . . Sehen Sie mich genau an. Vor Ihnen steht einer, der
die komplette Erfahrung gemacht hat." Das waren die Worte von Fred
Kort am Abend des 10. November 1998. Er sprach als Überlebender des
Holocaust zu der Versammlung auf dem Synagogenplatz, um der
Zerstörung der Synagoge 60 Jahre zuvor zu gedenken und den von der
Stadt Breisach mit einem Mahnmal gestalteten Platz einzuweihen.
Jetzt ist Fred Kort gestorben.
32 Jahre lagen zwischen diesem Tag und dem Tag, als sein
Leidensweg zum ersten Mal deutschen Lesern zugänglich wurde.
Im Buch von Paul Sauer "Die Schicksale der jüdischen Bürger
Baden-Württembergs während der nationalsozialistischen
Verfolgungszeit 1933-1945" (herausgegeben von der Archivdirektion
Stuttgart) ist auf Seite 255 geschrieben, dass Familie Kort mit den
Juden polnischer Abstammung am 27. Oktober 1938 aus
Reichsdeutschland ausgewiesen wurde.
Diese Maßnahme führte in einer verzweifelten Reaktion zur Tötung
des Legationsrats vom Rath durch Herschel Grynspan, dessen Eltern zu
den Ausgewiesenen gehörten. Hitler und Goebbels antworteten mit dem
Aufruf zur gezielten Zerstörung aller Synagogen, zum Angriff auf
jüdisches Eigentum und zur Verhaftung von mehr als 25 000 jüdischen
Männern am 9. und 10. November 1938.
62 Jahre lagen zwischen dem 10. November 1998 und dem Jahr 1936,
als der dreizehnjährige Manfred Kort in der Breisacher Synagoge
unter den Augen der sich schon in Auflösung befindlichen Gemeinde
religionsmündig ("Bar Mizwa") wurde. Wegen des vorbereitenden
Unterrichts hatten ihn Jonas Kort und seine Frau Manfred im Alter
von zehn Jahren von Eichtersheim zu Kantor Michael Eisemann nach
Breisach geschickt. Die Metzgerfamilie Levi nahm ihn als Pflegekind
auf, und die Jungen seines Jahrgangs lernten ihn als Freund und
Schulkameraden kennen.
Diese Vergrößerung der Gemeinde durch Zuzug war ein
außergewöhnliches Ereignis, da die Bedrohung durch die sich
verschärfenden antijüdischen Maßnahmen und Verordnungen der
Naziregierung in den Familien ein Nachdenken über
Fluchtmöglichkeiten, die "Auswanderung", auslöste.
Auf diese Zeit als Mitglied einer jüdischen Gemeinde hat Fred
Kort sein Leben lang mit Dankbarkeit zurückgeschaut, diese Zeit
relativer Geborgenheit und seine anschließende - trotz aller
Einschränkungen erfolgreiche - Ausbildung zum Elektriker nannte er
in einem Atemzug als Faktoren, die ihm halfen, "dem Feuer zu
entkommen".
"Sehen Sie mich genau an. Vor Ihnen steht einer, der die
komplette Erfahrung gemacht hat." Fred Kort
Zehn Tage nach seinem 20. Geburtstag erkannte Fred Kort am 18.
Juli 1943 bei der Selektion zur Gaskammer in Treblinka, dass er kaum
eine Chance hatte, dem Mordplan der Nazis zu entrinnen. 370 Tage
lang wurde er im Vernichtungslager Treblinka Zeuge der Ermordung von
hunderttausenden von jüdischen Menschen. Zuvor war er in Lagern,
Gefängnissen und Gettos von SS und Gestapo inhaftiert: Zbaszyn
(Bentschen), Posen, Lodz, Kalisz, Sieradz, Warschau, Falenty und
Kawenczyn (Vistula). Am 23. Juli 1944 gelang Fred Kort die Flucht
aus Treblinka. Er ist einer von nur neun Menschen, die dieses Lager
überlebt haben. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee kämpfte er im
polnischen Widerstand.
Jonas und Richard Kort, Vater und Bruder, sind im "Gedenkbuch"
als Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in
Baden-Württemberg (Herausgeber Archivdirektion Stuttgart 1969)
eingeschrieben. Seine Mutter und Schwester konnten sich retten. Fred
Kort war von seinen Erfahrungen gezeichnet. Er hat seine Rettung als
Vermächtnis verstanden, "gute Taten", segensreiche Taten zu
vollbringen.
Kindern mochte er als der "bubble king", König der Seifenblasen,
in Erinnerung bleiben. Ihm gelang es, in einigen Jahrzehnten ein
erfolgreicher amerikanischer Geschäftsmann zu werden und an der
Spitze der Imperial Toy Company die Produktion und weltweit den
Handel mit Spielzeugen, die sich jede Familie leisten kann, zu
fördern.
Er wird in Erinnerung bleiben als der, dem es ein Herzensanliegen
blieb, Zeugnis abzulegen und für die zu sprechen, denen Namen und
Gesichter, Eigentum und ihr Leben weggenommen worden waren. So auch
beim Gedenken anlässlich des 60. Jahrestages der Deportation der
badischen Juden auf dem Jüdischen Friedhof in Freiburg am 23.
Oktober 2000.
Das Holocaust Museum in Washington ist eine von vielen
Institutionen, die Fred und Barbara Kort mitgegründet und gefördert
haben. "Weißt du, warum ich euch helfe?", fragte er Ende 2001, als
es Pläne gab, das ehemalige jüdische Gemeindehaus in Breisach zu
renovieren: "Because you are moving forward - weil ihr vorwärts
geht." Fred Kort starb - wie jetzt bekannt wurde - unerwartet am 6.
September 2003. Seine Geschichte wird im "Blauen Haus" in Breisach
zu finden sein.
Christiane Walesch-Schneller