Badische Zeitung vom Samstag, 1. März 2014

Ein "J" in Rot und Violett machte den Unterschied
Gabriel Heim las im Blauen Haus aus seinem Buch "Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus. Eine Mutterliebe in Briefen".




(Foto: Elisabeth Saller)

BREISACH (eli). 10 Jahre hat Gabriel Heim gebraucht, um Briefe seiner Großmutter Marie Winter an seine Mutter Ilse Winter zu lesen. Nach Ilses Tod brauchte er Abstand und Zeit, die Sütterlinschrift lesen zu können. Mithilfe der Fragmente der Großmutter hat Heim seine Familiengeschichte rekonstruiert und ein Buch geschrieben. Aus "Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus. Eine Mutterliebe in Briefen" las er kürzlich im Blauen Haus in Breisach vor.

Beidseitig beschrieben sind die Briefe auf Seidenpapier von Marie Winter aus der Landhausstraße in Berlin-Wilmersdorf an ihre Tochter Ilse. Diese ist Schauspielerin, will sich von ihrer Mutter lösen und zieht in die Schweiz. Nach dem Tod seiner Mutter Ilse findet Heim 172 randvoll beschriebene Briefe seiner Großmutter aus den Kriegsjahren in einem Schuhkarton. Von dieser Zeit habe ihm seine Mutter nie berichtet, erzählt der Autor. "Ich will die Geschichte meiner Familie erzählen, soweit sie mir bekannt ist. Der Holocaust hat bis auf wenige Dokumente alle Zeugnisse vernichtet", beginnt der Schweizer Fernsehjournalist die Lesung.

1938. Viele Freunde von Marie Winter fragen sich am Neujahrstag, ob sie bleiben sollen oder gehen. In den Pässen wird nun mit einem roten "J" gekennzeichnet, wer ein Jude ist. Marie ärgert sich in einem Brief über ihre Tochter, die eine lose Beziehung mit dem Schweizer Juden Alfred Heim führt. Ilse solle ihn endlich heiraten und ein bürgerliches Leben führen, findet sie. "Beweise endlich einmal in deinem Leben, dass etwas Hand und Fuß hat und präzise ist", schreibt Marie an Ilse. Doch präzise, das sei ein Wort, das noch nie zu Ilse gepasst hätte.

Als Gasthörerin studiert die junge Frau Volkswirtschaft in Basel und beginnt eine Liebschaft mit ihrem Professor. Ilse führt ein unbeschwertes Leben, muss aber um eine Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung kämpfen. Sie könnte überrascht gewesen sein, dass auch jetzt ein violettes "J" ihre Religion auf dem Dokument markiert, mutmaßt Heim.

1942. Juden sind in Berlin stark eingeschränkt. Marie darf nicht mehr bestimmen, wer in ihrem Haus wohnt. Seit 1940 hat sie den Hausstand zu ihrer Tochter geschickt. Sie ist sich sicher, eines Tages dorthin zu ziehen. Doch es fällt ihr schwer, Berlin zu verlassen. Marie verpasst den Moment einer Ausreise, sie hängt zu sehr an ihrem Haus. Einmal besucht sie eine Freundin, um zu sehen, ob sie noch da ist. Während die Jüdin im Keller ihres Hauses wohnen muss und nur von 16 bis 17 Uhr einkaufen gehen darf, lässt es sich Ilse gut gehen und reist in der Schweiz herum. "Die zwei Leben laufen sehr auseinander", resümiert Heim.

1945. Ilse lernt über ihren Professor Major Artur Sommer kennen. Er soll Marie und 3 weitere betagte Damen aus Berlin in die Schweiz schleusen. Am 6. Mai 1945 findet der Fluchtversuch statt. Doch an der Grenze verheddert sich eine der Frauen mit ihrem Rock im Maschendrahtzaun - die Flucht fliegt auf.

Die Lesung war der Auftakt der Reihe "Kultur in der Bibliothek" des Blauen Hauses. Am Sonntag, 30. März, 17 Uhr, stellt Ursula Hellerich 3 Bücher von jungen Juden in Deutschland vor. – Gabriel Heim: "Ich will keine Blaubeetorte, ich will nur raus. Eine Mutterliebe in Briefen", erschienen im Oktober 2013 im Bastei-Lübbe-Verlag, 368 Seiten, 22,99 Euro.