Natürlich haben auch die Mitglieder des Fördervereins “Ehemaliges jüdisches Gemeindehaus” mitgeholfen, dass aus der Zufluchtsstätte der letzten jüdischen Gemeinde in Breisach ein ansprechend restauriertes “Blaues Haus” geworden ist, das inzwischen auf gutem Wege ist, ein Begegnungs- und Lernhaus für die ganze Region zu werden. Aber der treibende Motor hinter der Initiative ist doch deren Erste Vorsitzende, Christiane Walesch-Schneller.
“Warum machst du das?” wird sie immer wieder gefragt. Ihre Antwort darauf führt selbstredend in ihre Biographie — die sich von anderen jedoch nicht so gravierend unterscheidet, als dass damit allein ihr Engagement erklärt werden könnte. “Jeder hat so eine Geschichte” , sagt sie, “aber die meisten kennen sie nicht und wollen sich auch nicht näher damit auseinandersetzen.”
Ein erstes Korn wurde gesät in Hannover, wo sie aufwuchs: Mit fünf Jahren lernte sie ihre Freundin Doris kennen, ein Kind von Auschwitz-Überlebenden, die aus Polen stammten und in Deutschland die Zeit bis zu ihrer endgültigen Ausreise nach Amerika verbrachten. Die Gräuel der damals jüngsten Vergangenheit waren in dieser Freundschaft kein Thema. Aber sie waren es in ihrer Familie auch später nicht, erzählt Christiane Walesch-Schneller, lange, nachdem Doris sich nach Amerika verabschiedet hatte und auch nachdem sie selbst sich für ein Jahr “wegorganisiert” hatte.
Als 15-Jährige setzte sie nämlich durch, dass sie ein Jahr in der US-Hauptstadt Washington verbringen konnte. Dort kam sie in eine Klasse mit vielen jüdischen Mitschülern. Als erste Deutsche in dieser Klasse wurde sie mit erschütternden Tatsachen konfrontiert, von denen sie bis dahin nie etwas gehört hatte. Das war prägend.
Nach dem Abitur studierte sie Sozialwissenschaften, wechselte an die Pädagogische Hochschule, studierte dann Medizin und absolvierte neben ihrer Tätigkeit in einer psychosomatischen Klinik ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin. Hier traf sie erneut auf jüdische Menschen. Vor allem ihr Kollege Josef Kornweitz, der sie ermutigte, das jüdische Breisach zu erforschen, gab den entscheidenden Impuls.
Danach kam eines zum anderen: Die Stadt Breisach, die 1998 zum ersten Mal die jüdischen Breisacher einlud; die sich daraus ergebende Bekanntschaft mit Ralph Eisemann, der vor seiner Emigration im jüdischen Gemeindehaus gewohnt hatte; und die vielen Kontakte mit den ehemaligen Breisachern und deren Nachfahren.
Als dem ehemaligen jüdischen Gemeindehaus der Abbruch drohte, entschloss sie sich, das Projekt zu dessen Rettung und Restaurierung zu starten.
Dabei gab es auch Enttäuschungen und Rückschläge. “Aber selbst, wenn wir nicht alle Ziele erreichen, ist jeder Tag sinnvoll und wertvoll” , ist sie überzeugt. “Denn zu spüren, was unsere Arbeit in jüdischen Familien und in Familien in Breisach bewegt, ist eine große Freude.” Sie sei keine Theoretikerin, sagt sie. Das braucht sie auch nicht zu sein. Ihre intelligent eingefädelte praktische Arbeit scheint für das Breisacher Konzept genau das Richtige zu sein. Gerade ist Christiane Walesch-Schneller von einer Reise aus den USA zurückgekehrt, wo sie mit Jonathan Hollander und Aviva Geismar die für diesen Sommer geplanten “Tänze für das Blaue Haus” vorbereitet hat. Sie ist voller Ideen — und sie ist hartnäckig bei deren Umsetzung.
Ein Satz aus dem Gästebuch des Blauen Hauses gefällt ihr besonders: “Die ganze Welt ist eine sehr schmale Brücke; die Hauptsache ist, gar keine Angst zu haben.”
Friedel Scheer-Nahor
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