Badische Zeitung vom Donnerstag, 4. September 2003
Ein alter Friedhof als Zeugnis der gemeinsamen Geschichte Am
Europäischen Tag der jüdischen Kultur wird im elsässischen Mackenheim der
deutsch-französische Verein "Les Amis du Judengarten" gegründet
Von unserer Mitarbeiterin Ulrike Ehrlacher-Dörfler
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MACKENHEIM/BREISACH.
Wenn am Sonntag, 7. September, der vierte Europäische Tag der Jüdischen Kultur
gefeiert wird, gibt es im elsässischen Mackenheim einen außergewöhnlichen
deutsch-französischen Brückenschlag. Mit "Les Amis du Judengarten" (die Freunde
des Judengartens) wird der erste grenzüberschreitende Verein gegründet, der
die gemeinsame jüdische Geschichte der Region ins öffentliche Bewusstsein
rücken will.
Zum gemeinsamen Kulturerbe gehört dabei vor allem der jüdische Friedhof im
rund 600 Einwohner zählenden Mackenheim. Der von alters her als "Judengarten"
bezeichnete und versteckt im Wald liegende Begräbnisplatz wurde 1608 zum
ersten Mal in Urkunden nachgewiesen und gehört wohl zu den ältesten im Elsass.
Zentrale Bedeutung kam ihm als so genannter Verbandsfriedhof zu: So wurden
in Mackenheim lange Zeit Verstorbene aus zahlreichen israelitischen Gemeinden
der Umgebung beerdigt. Bis 1775 fanden dort auch Juden aus dem damals vorderösterreichischen
Breisach ihre letzte Ruhestätte.
30 Grabsteine hat der Historiker Günter Boll, ein profunder Kenner der jüdischen
Geschichte in der Region, Breisacher Juden zuordnen können. Beerdigt wurde
dort beispielsweise auch der 1727 verstorbene Joseph Günzburger. Er war einst
Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Breisach und laut Boll als wohlhabender
und einflussreicher Mann maßgeblich daran beteiligt, dass sich 1716 die ersten
jüdischen Familien in Orten wie Ihringen, Eichstetten, Emmendingen, Sulzburg,
Müllheim oder Lörrach ansiedeln konnten.
Seit Anfang der 80er Jahre beschäftigt sich Boll akribisch mit dem etwa 20
Kilometer von Breisach entfernt liegenden jüdischen Friedhof, auf dem heute
noch ab und an Bestattungen stattfinden. Dabei hat er nicht nur aufwändig
geforscht und alte Inschriften gedeutet. Er legte auch im ältesten Teil Hand
an: Zahlreiche möglicherweise nach Überschwemmungen des Rheins eingesunkene
Grabsteine hat er mühevoll wieder aufgestellt. Der älteste in Mackenheim
erhaltene Stein stammt von 1669. 75 teilweise recht verwitterte Steine aus
der Zeit bis 1752 hat Boll insgesamt auf dem alten Friedhofteil entdeckt.
Unterstützt wurde der Historiker vom Mackenheimer Bürgermeister Jean Claude
Spielmann und dessen Gemeinderat. Für Spielmann ist der jüdische Friedhof
ein "besonderer Ort, der tief beeindruckt". Er habe großes Interesse daran,
dass Erinnerungen wach gehalten werden, und bemüht sich deshalb auch bei
den Behörden in Straßburg darum, dass man die älteren Teile des "Judengarten"
unter Denkmalschutz stellt.
Spielmann und Boll werden zusammen mit Christiane Walesch-Schneller, der
Vorsitzenden des Breisacher Fördervereins Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus,
auch das Ruder der neuen grenzüberschreitenden Gruppierung in die Hand nehmen.
Freunde des Breisacher Fördervereins haben im vergangenen Jahr mehrfach in
Mackenheim gearbeitet. Das Einsegnungshaus auf dem Friedhof wurde mit neuen
Fundamenten und einem neuen Dachstuhl versehen.
Russische, ukrainische, weisrussische, polnische und deutsche Mitglieder
des diesjährigen Sommerlagers der "Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste",
die zwei Wochen lang einen Arbeitseinsatz in Breisach im ehemaligen jüdischen
Gemeindehaus verbrachten, waren auch zwei Tage in Mackenheim aktiv - zum
Decken des Daches.
Die jungen Freiwilligen werden auch der deutsch-französischen Vereinsgründung
am Sonntag beiwohnen, "damit wird die europäische Verantwortung für die Bewahrung
dieses Erbes und dessen Pflege unterstrichen", sagt Günter Boll.
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