Badische Zeitung vom Montag, 3. Mai 2004

Chirac: "Widerwärtige Tat"
Jüdischer Friedhof in Herrlisheim: Unbekannte beschmierten Grabsteine mit Hakenkreuzen



COLMAR (dpa/AFP). Mit Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen sind in der Nacht zum Freitag in Herrlisheim südlich von Colmar 127 Gräber eines jüdischen Friedhofs geschändet worden. Die Täter beschmierten eine Stele am Friedhofseingang auf Deutsch mit den Worten "Juden raus" und hinterließen eine Deutschlandfahne mit der Aufschrift "Ein Reich, Elsass, Sieg für den Führer".

Der französische Staatspräsident Jacques Chirac bezeichnete die Tat als widerwärtig. Am Sonntag wurde auch der christliche Friedhof im nordelsässischen Niederhaslach geschändet. Innenminister Dominique de Villepin reiste noch am Freitag zu Gesprächen mit der jüdischen Gemeinde nach Herrlisheim und forderte alle Franzosen zum Kampf gegen jede Form des Rassismus und des Fremdenhasses auf. "Solche antisemitischen Verbrechen stehen im Gegensatz zum Geist der Demokratie", sagte er. Premierminister Jean-Pierre Raffarin äußerte sich besonders betroffen von der "extrem hohen Zahl" der beschmierten Gräber: "Diese Grabschändung, die sich einreiht in eine Serie von Angriffen gegen jüdische und muslimische Kultstätten, muss mit ganzer Entschlossenheit bekämpft werden."

Raffarin sprach in seiner Erklärung eine Serie von Attacken auf Einrichtungen von Andersgläubigen im Elsass an, die sich in der jüngsten Vergangenheit ereignet hatten. So wurden Geschäfte muslimischer Händler mit Parolen wie "Tod den Arabern" beschmiert und Hakenkreuze an die Wände von Moscheen gemalt. Erst am Freitagmorgen hatten Vertreter der elsässischen Katholiken, Protestanten und Juden ihre Empörung über die Angriffe auf die muslimische Gemeinde in Straßburg geäußert.

Zwei Tage nach dem Herrlisheimer Vorfall wurde auch der christliche Kirchhof von Niederhaslach von mutmaßlichen Neonazis heimgesucht. In der Nacht zum Sonntag beschmierten sie 22 Gräber mit Nazi-Symbolen und -parolen beschmiert. Hakenkreuze und der Name «Adolf» (Hitler) seien auf Grabsteine geschrieben worden. Auf einem Mülleimer stand "Vive FN" (Es lebe der - rechtsextrem - Front Nationale).

Der jüdische Friedhof in dem Dorf Herrlisheim wurde im 19. Jahrhundert angelegt, die dortige Synagoge 1940 von deutschen Bomben zerstört. Auf dem Friedhof wurden schon einmal im August 1992 Gräber geschändet - damals waren es fast 200. Am Freitagabend hatten die unbekannten Täter Grabsteine und den Bogen des Friedhofstores unter anderem mit Lobeshymnen auf Adolf Hitler beschmiert. Am Sonntagnachmittag fand auf dem Herrlisheimer Friedhof eine Protestveranstaltung der Union jüdischer Studenten in Frankreich statt.

Die Ermittlungen der Polizei haben nach Angaben der Staatsanwaltschaft erste Ergebnisse gebracht. Grafologische Gutachter sollen weitere Hinweise auf die Täter geben. Außerdem untersuchen Fachleute die verwendete Farbe sowie die Herkunft zweier Fahnen.

 


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