Badische Zeitung vom Donnerstag, 24. Januar 2013

Beispiel Breisach: Die Erinnerungskultur geht neue Wege
BZ-GASTBEITRAG: Wolfram Wette findet die Initiativen der Stadt Breisach zur Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit vorbildlich.

In der Stadt Breisach wird der Auschwitz-Gedenktag am 27. Januar 2013 zum Anlass genommen, ein "Jahr des Erinnerns, der Partnerschaft und der Zukunftsgestaltung" einzuläuten. Es wird berichtet, wie in der "Stadt Europas" versucht wird, aus der Beschäftigung mit der Nazi-Zeit Orientierungen für Gegenwart und Zukunft zu gewinnen. Bei diesen beispielhaften Formen der Erinnerungsarbeit geht es nicht um akademische Glasperlenspiele, sondern um ein verantwortlich zu führendes Leben.

Nach dem Willen des vormaligen Bundespräsidenten Roman Herzog soll am Auschwitz-Gedenktag aller Opfer des Nationalsozialismus gedacht werden, nicht nur der ermordeten Juden. Der amerikanische Historiker Daniel Blatman, Erforscher der Todesmärsche des Jahres 1945, hat uns das breite Spektrum der Opfer vor Augen geführt: Seite an Seite mit den jüdischen KZ-Häftlingen marschierten nicht-jüdische aus vielen Ländern Europas, sogar aus Amerika und aus arabischen Ländern. Darunter waren Usbeken, Armenier, Georgier, Ukrainer, Russen, Serben, Polen, Litauer, Letten, Albaner, Griechen, Rumänen, Italiener, Franzosen, Spanier, Belgier, Holländer, Dänen, Norweger, Briten, Türken, Deutsche und österreicher, Sinti und Roma. Viele von ihnen waren Widerstandskämpfer.

In Breisach wirkt seit 1993, als eine fremdenfeindliche Welle über das Land schwappte, ein Verein "Für die Zukunft lernen". Er feiert in diesem Jahr sein 20. Jubiläum. Auch in der Region Südbaden fielen seinerzeit Jugendliche durch rechtsextremistisches Verhalten auf. In dieser brisanten Situation engagierte sich das Christophorus-Jugendwerk Breisach-Oberrimsingen in Zusammenarbeit mit der Katholischen Hochschule Freiburg. Es organisierte für rechts orientierte und sozial benachteiligte Jugendliche, die einer besonderen Förderung bedurften, eine Bildungsreise zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in Polen. Dies geschah in der Erwartung, dass die unmittelbare, auch emotionale Erfahrung dieser Vernichtungsstätte aus der NS-Zeit und die Auseinandersetzung mit der Geschichte dieses Ortes ein Umdenken würde bewirken können. Diese Reisen finden seitdem alljährlich statt.

Der Förderverein "Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Breisach" wurde in den 1990er Jahren ins Leben gerufen. Er verfolgte das Ziel, daran zu erinnern, dass Breisach einmal eine große jüdische Gemeinde hatte. 1880 gehörten ihr um die 560 Menschen an, 1933 lebten noch 231 Juden in Breisach. Viele von ihnen wurden in den darauf folgenden Jahren vertrieben. Von den Deportationen nach Gurs im Oktober 1940 waren noch mehr als 50 Breisacher Juden betroffen. Sie wurden später nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Das ist das Band, das Breisach historisch mit Auschwitz verbindet.

Aufgrund einer privaten Initiative konnte in den 1990er Jahren das mehr als 300 Jahre alte jüdische Schulhaus erworben und renoviert werden. Seit 2003 fungiert das "Blaue Haus" als eine angesehene Erinnerungsstätte, in der ein reges kulturelles Leben stattfindet. Im Jubiläumsjahr wird das zehnjährige Bestehen dieser Stätte gefeiert. Als treibende Kraft wirkte von Beginn an die ideenreiche, kontaktfreudige und unermüdliche Vereinsvorsitzende Christiane Walesch-Schneller.

Die Brücke über den Rhein verbindet Frankreich und Deutschland und damit symbolisch ganz Europa. Die Stadt Breisach hat 2009 einen besonderen Akzent gesetzt, indem sie eine Städtepartnerschaft mit Oswiecim einging. In der Nähe dieser - von Breisach aus 1200 Kilometer entfernten - polnischen Stadt richteten die Deutschen damals das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz ein. Vorbereitet wurde die Partnerschaft wiederum durch eine private Initiative, den "Freundeskreis Oswiecim e.V.". Er besteht seit nunmehr fünf Jahren. An dessen Spitze steht Werner Nickolai als Ideengeber, Motor und pädagogischer Fachmann. Die Partnerschaft wird heute von Menschen aus allen Alters- und Berufsgruppen der Breisacher Bürgerschaft getragen, besonders von Jugendlichen.

Die Initiativen in der Stadt Breisach zeigen, dass hier etwas gelungen ist, womit andernorts noch experimentiert wird: Der Einstieg in eine neue Phase unserer Erinnerungskultur, in welcher Beiträge zur Bekämpfung des Rechtsradikalismus und zur Festigung des Friedens in Europa vordringlich gefragt sind. Die Auftaktveranstaltung des Jubiläumsjahres, getragen von der Stadt und den drei genannten Vereinen, findet an diesem Sonntag, 27. Januar, um 11.30 Uhr in der Aula der Hugo-Höfler-Realschule Breisach statt.

Der Autor ist Professor für Geschichte und Friedensforscher.

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