AUFBAU - March, 20, 2003

Geteilte Vergangenheit

Ellen Mendel erzählt deutschen Schülern von ihrer Geschichte

Von Ines Stickler

Ellen Mendel reist mit einer Mappe. In dieser Mappe steckt vieles von dem, was ihr in ihrem Leben lieb und teuer ist. Bilder sind das vor allem, Bilder ihrer Mutter und ihres Vaters, ihrer Großeltern, ihrer Tanten und Onkel. Sie bewahrt sie hinter Plastikfolie auf, denn sie sind kostbare Erinnerungsstücke. Zu jeder Person weiß sie eine Episode zu erzählen; und so, wie viele Mosaiksteinchen zu einem Bild werden, ergeben die vielen Episoden eine Lebensgeschichte. Es ist die Geschichte ihrer Familie, über die sie nicht müde wird, wieder und wieder zu berichten.

"Es dauert das ganze Leben, zu verstehen, was passiert ist", sagt Ellen Mendel. Sie wurde in Essen geboren. Als sie vier Jahre alt war, flüchteten die Eltern mit ihr nach New York. Damals konnte sie nicht einmal in Umrissen verstehen, was ihr widerfuhr. Heute geht sie als Psychoanalytikerin immer wieder nach Deutschland, um mit Schülerinnen und Schülern in Freiburg, Heidelberg (wo ihre Großeltern herkamen) und Breisach darüber zu sprechen, wie es geschehen konnte, dass die Nationalsozialisten an die Macht gekommen sind und was dies vor allem für Juden bedeutete. "Ich erzähle ihnen, wie unser Leben war, wie es für unsere Familie war. Es gibt keine Schuldzuweisungen, keine Beschuldigungen."

Genau das scheint die richtige Methode zu sein, um die jungen Menschen im Alter von zwölf bis fünzehn Jahren zu erreichen, deren Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus sehr unterschiedlich ist. "Schade, dass die Zeit so schnell vergangen ist", ist einer der Sätze, die Ellen Mendel häufig hört, wenn die Stunde vorbei ist. Mit vielen Schülern hält sie Kontakt, von vielen bekommt sie Briefe, die mit liebevoll gestaltet sind. "Danke, dass wir an Ihrer Vergangenheit teilnehmen durften", hat ihr ein Schüler geschrieben.

"Es ist eine Familie, mit der sie sich identifizieren können, nicht Millionen anonymer Menschen", sagt Ellen Mendel. So schildert sie ihren Vater, der ein Patriot war, und der Deutschland, sein Zuhause, über alles geliebt hat. Sie erinnert sich an eine Hochzeit in ihrer Verwandtschaft, die nach der Machtergreifung nur mit einer ganz kleinen Gesellschaft aus zehn Personen im Garten der Großeltern gefeiert werden konnte.

Sie berichtet, wie und wo viele ihrer Verwandten umgebracht wurden, und wie es war, als sie mit ihren Eltern nach New York kam und sie sich als Emigranten in der Stadt zurecht finden mussten. Ebenso bescheibt sie, wie es war, das erste Mal nach Deutschland zu kommen, Wurzeln ihrer Herkunft zu entdecken, "eine Verbindung zu fühlen". Begriffe, die ihr jugendliches Publikum nur aus Geschichtsbüchern kennt, wie "Deportation", "Konzentrationslager" oder "Judenstern" werden so für die Schüler mit Leben gefüllt.

Oft fließen Tränen bei ihr, wenn sie die persönlichen Schilderungen zu sehr aufwühlen, aber auch bei den jungen Deutschen. "Aber es wird auch ganz viel gelacht", sagt Ellen Mendel, die viele ihrer Erfahrungen und Erinnerungen auch in Gedichten und Bildern festhält. Sie versteht sich "als Zeitzeugin." Und sie sagt, es sei ihre Aufgabe und Verpflichtung, das Erlebte weiterzugeben: "Nur, wenn wir darüber reden, schaffen wir es, dass so etwas nie wieder passiert." Und Ellen Mendel hofft, dass die jungen Frauen und Männer, die sie in Deutschland kennengelernt hat, zu denen gehören werden, "die sich auflehnen, wenn heute etwas Ähnliches passiert".

 

 

Begegnungen in Breisach

Ralph Eisemann ist gerne Gast in seinem alten Heimatort

Als Ralph Eisemann 1939 seine Heimatstadt Breisach verließ, war er sich sicher, nicht wieder zurückzukehren. Hier war sein Vater Michael, der letzte Kantor von Breisach, gestorben, am 2. Februar 1939 nach sechs Wochen Internierung in Dachau. Nie wollte Ralph diesen Ort wiedersehen. Doch dann kam das Jahr 1998, und mit ihm ein Brief aus Breisach: eine Einladung der Stadt zur Gedenkfeier anlässlich des 60. Jahrestags der Pogromnacht. Und trotz großer Zweifel entschied sich der inzwischen 75-Jährige, die Einladung anzunehmen.

Die Neugier auf die alte Heimat wog größer als die Vorbehalte. Gemeinsam mit anderen Überlebenden und Angehörigen fuhr der nunmehr in New Jersey lebende Familienvater nach Breisach und wagte die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit. Doch nicht nur er. Auch für die Breisacher Bürger begann eine neue Phase der Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der Stadtgeschichte. Und eine neue Phase deutsch-jüdischer Freundschaft.

1933 lebten in dem kleinen Ort rund 250 Juden. Wer nicht fliehen konnte, wurde in Konzentrationslager deportiert: insgesamt 111 Männer, Frauen und Kinder. "Wir wollen allen 250 jüdischen Bürgern Breisachs ihren Namen zurückgeben. Wir wollen ihre Gesichter sehen und ihnen ihre Würde zurückgeben," sagt Christiane Walesch-Schneller. Die Psychoanalytikerin ist die Initiatorin und erste Vorsitzende des 1999 gegründeten Fördervereins "Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus in Breisach am Rhein".

Am 9. März sprach die 52-Jährige in der Stephen Wise Free Synagogue in New York über die Fortschritte der Bemühungen der Breisacher Gemeinde. Ihr Besuch spiegelt das Besondere an dem Verein wider: Er sucht den direkten Austausch mit den Überlebenden und ihren Angehörigen. "Wir entwickeln einen sehr persönlichen Weg, über den Holocaust und den Nationalsozialismus zu lernen und zu lehren", erklärt Walesch-Schneller. "Damit unsere Kinder einmal klüger sind."

Die Psychoanalytikerin weiß, warum sie dieses sagt: Sie selbst kommt "aus einer Familie, in der nicht über die Vorgänge in der Nazi-Zeit oder über den Holocaust gesprochen wurde." Nun wolle sie die Verantwortung übernehmen, die ihre Eltern nicht tragen konnten. Ganze Nächte hat sie schon damit verbracht, Nachforschungen über die jüdische Geschichte Breisachs und die Lebenswege der jüdischen Einwohner anzustellen. Sie traf Überlebende wie Ralph Eisemann, Hans David Blum und Margarethe Steeg, die allesamt rechtzeitig aus Breisach fliehen konnten. Und sie las über diejenigen, die es nicht schafften. Bis nach Auschwitz führten ihre Recherchen.

Im Jahr 2000 dann der erste große Erfolg: Gemeinsam mit der Stadt lud der Verein erneut die Überlebenden und Angehörigen ein, um der deportierten Breisacher Juden zu gedenken und gleichzeitig den Erwerb des ehemaligen Jüdischen Gemeindezentrums durch den Verein zu feiern. Dessen Kauf war von Anfang an eines der dringendsten Ziele gewesen, als "authentischen Ort der Erinnerung", wie Walesch-Schneller sagt.

Vierzig Breisacher Juden und ihre Familien kamen für eine Woche nach Breisach. Sie besuchten ihre Elternhäuser, sprachen mit Schülern, erzählten denen von ihrer Flucht. Und sie beteten gemeinsam im Gemeindezentrum.

Ralph Eisemann leitete den Gottesdienst, so wie er es vor sechzig Jahren getan hatte, als sein Vater in Dachau war. "Bewegend", sei das gewesen, erzählt Gary Bron, einer der siebzig Gottesdienstgäste.

Derzeit laufen noch Sanierungsarbeiten am Gemeindehaus, aber im Juni soll die Einweihung der Gedenk-und Werkstätte begangen werden, die auch Raum für ein Museum bieten wird. Der Verein hofft, dann wieder viele Breisacher Juden empfangen zu können.

Anders als 2000 will die Stadt diesmal die Fahrtkosten für die Breisacher Juden allerdings nicht mehr übernehmen. "Aber wir bekommen das Geld zusammen. Und wenn wir von Tür zu Tür ziehen müssen", verspricht Walesch-Schneller. Elaine Wolff, Tochter der Breisacher Jüdin Paula Wolff, hat daran keine Zweifel. "Diese Christiane ist eine Kämpferin."

Viola Volland

 

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